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Evergrandes Schuldenlawine rollt durch Chinas Finanzsystem

China Evergrande Group
China Evergrande Group

Um Evergrande, Chinas am höchsten verschuldetes Immobilienimperium, mehren sich die Sorgen um die finanzielle Gesundheit des Unternehmens. Der Immobilienriese galt lange als Aushängeschild für hoch verschuldete Unternehmen in China, steht allerdings jetzt vor finanziellen Problemen und Kreditabstufungen und steuert auf einen möglichen Zahlungsausfall hin. Noch vor drei Jahren war es das größte Immobilienunternehmen der Welt. Nun entpuppt es sich immer mehr zur größten Bedrohung für Chinas 50 Bio. USD schweres Finanzsystem.

Wachsende Bedenken hinsichtlich Evergrandes Zugang zu Finanzierungen haben den Marktwert des Unternehmens um Milliarden dezimiert. Investoren beobachten besorgt, wie sich die schlechten Nachrichten über Evergrande türmen. Schließlich ist innerhalb von 12 Monaten die Aktie des Unternehmens um über 70% eingebrochen, und auch die Dollaranleihen sind auf ein Rekordtief gesunken.

Dann gab Evergrande bekannt, dass es auf die Sonderausschüttung verzichten würde – es wäre die erste seit 2018 gewesen. Die Streichung der Dividende unter Berufung auf das „derzeitige Marktumfeld“ und „die Gläubiger“ hat Investoren nur noch mehr hinsichtlich der finanziellen Fähigkeiten des Unternehmens verunsichert.

Hui Ka Yan, der Gründer von Evergrande, hat mittlerweile auf dem Papier mehr als 20 Mrd. USD an Vermögen verloren. Laut dem Bloomberg Billionaires Index hat sich Huis Vermögen gegenüber dem Höchststand von 2020 um mehr als die Hälfte reduziert. Während die Aufsichtsbehörden eine Vielfalt politischer Hebel auf das Unternehmen anwenden, hat der Milliardär den Bankern gesagt, sie sollten den jüngsten Schlagzeilen über seinen angeschlagenen Immobilienkonzern keine Beachtung schenken.

Weiterer Druck auf Evergrande

Da Evergrande unter zunehmendem Schuldendruck steht, haben sich auch die Bankenbeziehungen des Unternehmens in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert. Aus Angst vor Ermittlungen der chinesischen Aufsichtsbehörden haben mehrere Banken und Anleiheninvestoren davor zurückgeschreckt, dem Unternehmen langfristige Mittel bereitzustellen.

Vor kurzem haben die Finanzaufsichtsbehörden auf dem Festland eine Untersuchung der Finanzgeschäfte zwischen Evergrande und seinem größten Aktionär, der Shengjing Bank, eingeleitet. Darüber hinaus wurde Firmengründer Hui letzten Monat zu einem Treffen mit den Aufsichtsbehörden zitiert, wo man ihn Berichten zufolge aufforderte, den Liquiditätsdruck so schnell wie möglich zu beheben.

Zuvor hatte Reuters berichtet, dass die Aufsichtsbehörden von dem Unternehmen verlangten, es solle in seinen monatlichen Berichten Einzelheiten zur Emission von Commercial Papers offenlegen, um die ausufernden Schulden einzudämmen.

Mitte Juli fror das chinesische Gericht Bankeinlagen im Wert von 20 Mio. USD (132 Mio. Yuan) ein. Dies geschah auf Geheiß eines Gläubigers des Unternehmens, der China Guangfa Bank, die Evergrande verklagte, um ihre Schulden einzutreiben. Daraufhin wurde der Verkauf von Evergrande-Projekten in einer Stadt in der Provinz Hunan gestoppt.

Das Einfrieren der Einlagen löste einen Dominoeffekt aus, der dazu führte, dass mehrere große Banken in Hongkong – HSBC, die Hongkonger Dependance der Bank of China, die Hang Seng Bank, die Bank of East Asia, die Industrial and Commercial Bank of China (Asia) und Standard Chartered – keine Hypotheken mehr an Käufer von Evergrandes unvollendeten Wohnprojekten in der Region vergaben.

Iris Chen, Kreditanalystin bei Nomura, sagte gegenüber Bloomberg: „Es könnte schwierig werden für Evergrande, aus diesem Teufelskreis von Schuldenausfällen herauszukommen, da das Vertrauen in das Unternehmen bei fast allen Stakeholdern erschüttert ist.“ Im Strudel zunehmender Probleme stimmte das Unternehmen schließlich zu, die Schulden bei der China Guangfa Bank zu tilgen.

Aufgrund der jüngsten Abschwächung des Finanzierungszugangs von Evergrande wurde die Bonität des Bauunternehmens zuletzt in Standard & Poor’s (S&P) Global Ratings um zwei Stufen gesenkt. Im Juni sowie Anfang Juli stuften auch Moody’s und Fitch die Bewertung des Bauunternehmens herab.

Chinesische Treuhandgesellschaften, die nach Banken Evergrandes zweitgrößten Kreditgeber stellen, haben ihr Exposure gegenüber dem Unternehmen ebenfalls überdacht. Das Bauunternehmen hat alle drei roten Linien gemäß den chinesischen Kreditlimits verletzt und darf keine zinstragenden Schulden über das Niveau von Juni 2019 anheben. Darüber hinaus haben drei chinesische Banken, die mit Juni 2020 ein Kreditrisiko von 7,1 Mrd. USD (46 Mrd. Yuan) gegenüber Evergrande besitzen, dem Unternehmen untersagt, zusätzliche Schulden aufzunehmen.

Außerdem ist dem Unternehmen die Aufnahme zusätzlicher Schulden durch drei chinesische Banken untersagt, die ab Juni 2020 zusammen ein Kreditengagement von 7,1 Mrd. USD (46 Mrd. Yuan) gegenüber Evergrande haben.

Evergrandes dramatischer Schuldenschnitt

Das in Shenzhen ansässige Bauunternehmen steht seit Anfang 2020 unter Druck, die steigenden Schulden zu tilgen. Laut dem jüngsten Bericht des Unternehmens verfügte Evergrande Ende 2020 lediglich über liquide Mittel in Höhe von 24 Mrd. USD (158,8 Mrd. Yuan) gegenüber verzinslichen Schulden in Höhe von 51 Mrd. USD (335,5 Mrd. Yuan), die 2021 fällig werden. Die wichtigste Onshore-Tochtergesellschaft des Unternehmens hatte im Dezember letzten Jahres rund 32 Mrd. USD an Handelswechsel ausstehen, was darauf hindeutet, dass es zunehmend auf solche Finanzierungen angewiesen ist.

Um die wachsende Schuldenlast zu verringern, hat das Unternehmen den Verkauf von Eigenheimen mit erheblichen Rabatten erhöht, Gewerbeimmobilien veräußert und Vermögensverkäufe in Nicht-Kerngeschäften in Erwägung gezogen.

Ende 2020 belaufen sich die Gesamtpassiva von Evergrande auf insgesamt 301 Mrd. USD. Laut S&P Ratings stehen dem Unternehmen im Jahr 2022 Offshore-Laufzeiten von über 6 Mrd. USD bevor.

Laut Fitch Ratings hat Evergrande seit Anfang 2020 keine Offshore-Anleihen mehr begeben und seine 2025 fälligen Anleihen werden mit einer Rendite von rund 27% gehandelt. UBS-Analysten zufolge ist das Bauunternehmen der größte Emittent Dollar-Hochzinsanleihen in Asien.

In einem Schritt, der auch die Geschäftsbücher ein wenig bereinigen würde, enthüllte Evergrande Anfang März Pläne, die Schulden in den nächsten zwei Jahren in etwa zu halbieren und bis Juni 2023 auf 53 Mrd. USD (350 Mrd. Yuan) oder weniger zu reduzieren.

Das Unternehmen verpflichtete sich auch, mindestens eine der von China vorgeschriebenen „drei roten Linien“ bei der Kreditaufnahme einzuhalten. Darüber hinaus hat es Ende Juni seine Gesamtanleihen auf etwa 88 Mrd. USD reduziert, was einem Rückgang von 20% seit Ende letzten Jahres entspricht.

Pekings schwindendes Vertrauen in Immobilien

Chinas Bauträger gehören zu den größten Risikopapier-Emittenten in Asien. Die zunehmenden Zahlungsausfälle in der Immobilienbranche haben die chinesischen Anleihenmärkte verunsichert. Im Bestreben, einen disziplinierteren und effizienteren Markt zu schaffen, versucht Peking eine auf Schulden basierte Expansion zu verhindern, indem es gegenüber verschuldeten Giganten wie China Fortune Land Development Co, China Huarong Asset Management Co. und China Evergrande Group eine kompromisslosere Haltung einnimmt.

Dieser Umgang mit den jüngsten Notlagen in China hat Spekulationen über eine mögliche Umschuldung ausgelöst. Einem aktuellen Bericht der Goldman Sachs Group zufolge sind die politischen Entscheidungsträger im Land viel weniger bereit, große Unternehmen zu unterstützen. So heißt es laut GS, dass „das Konzept ‚zu groß, um zu scheitern‘ möglicherweise nicht mehr auf Chinas Kreditnehmer zutrifft.“

Um das Finanzsystem auf lange Sicht widerstandsfähiger zu machen, hat das Land bereits im vergangenen Jahr eine Reihe von Immobilienbremsen eingeführt, die sich auf eine Verschärfung der Vorschriften für Immobilienaktivitäten und -schenkungen sowie auf die Eindämmung schneller Immobilienpreissteigerungen richten.

Darüber hinaus hat die Zentralbank im vergangenen Jahr die sogenannten „drei roten Linien“ eingeführt, die maximal 70% Verbindlichkeiten gegenüber Vermögenswerten erlauben, Nettoverschuldungen bei 100% des Eigenkapitals deckeln und von den Bauträgern verlangen, mehr Bargeld als kurzfristige Anleihen zu halten. Zudem kündigte vor kurzem Chinas Vizepremier Han Zheng an, von dem Weg, Immobilien zur kurzfristigen Ankurbelung der Wirtschaft zu nutzen, abzugehen.