Start Investieren China Handel – wie Unternehmen die Handelsbarrieren umgehen

China Handel – wie Unternehmen die Handelsbarrieren umgehen

China Handel: Unternehmen suchen sich Umwege
China Handel: Unternehmen suchen sich Umwege

Die Künstlerin Yang Liu in ihrer Jugend sowohl China als auch Deutschland erlebt. Ihrer Meinung nach gibt es zwischen westlichen und östlichen Kulturen einen Unterschied im Umgang mit Problemen: Wir im Westen marschieren geradewegs durch das Problem hindurch, wollen es lösen, während man im fernen Osten geneigt ist, das Problem auf kleinstem Wege zu umgehen. Jedenfalls archetypisch betrachtet.

Natürlich ist die Problemumgehung auch uns Europäern nicht ganz fremd, beispielsweise in Bezug auf Steuervermeidung, während ein wichtiges Element des Toyota-Produktionssystems Poka Yoke das Verhindern von Fehlerquellen ist. Jedenfalls erscheint es interessant, einen Blick auf Möglichkeit für den China Handel zu werfen, im gegenwärtigen Konflikt die Hürden zu umlaufen.

Handelskrieg – ein großes Wort

Handelskrieg bezeichnet ursprünglich die Störung des gegnerischen Handels mit militärischen Mitteln: Zum Beispiel die Kontinentalblockade während der napoleonischen Kriege oder den Abschuss von Öltankern im Persischen Golf während des 1. Golfkrieges zwischen dem Iran und dem Irak. Dennoch wird die Vokabel freizügig auch für Handelskonflikte wie den aktuellen zwischen den USA und China gebraucht. Dieser wird jedoch hauptsächlich mit bürokratischen Kriegsmaschinen ausgetragen: Zollsätze, Bemessungsgrundlagen, Sicherheitsbestimmungen und nicht nachbesetzte Posten bei der Welthandelsorganisation. Eine Zeitleiste des Konfliktes findet sich bei Bloomberg.

Mittlerweile besteuern die USA chinesische Importe im Volumen von 212 Mrd. EUR jährlich mit Zusatzzöllen. Das entspricht etwa dem halben Importvolumen von 2017. Analog belegt China von ca. 100 Mrd. EUR Importvolumen aus den USA etwa 50 Mrd. EUR mit Zusatzzöllen. Die nächste Eskalationsstufe steht zum Jahreswechsel ins Haus, wenn die USA den Zollsatz von 10 % auf 25 % anzuheben drohen. Das Hauptziel der US-Zölle ist die chinesische Metallindustrie, die chinesischen Maßnahmen gelten der US-Landwirtschaft. Chinesische Unternehmen können also absatzseitig die US-Zusatzzölle treffen oder einkaufsseitig die chinesischen – oder im schlimmsten Fall beides.

China Handel: Metallindustrie als Ziel der US-Maßnahmen
China Handel: Metallindustrie als Ziel der US-Maßnahmen

Der globalisierte Hồ-Chí-Minh-Pfad

Eine relativ einfache Umgehungsmöglichkeit ist die Umleitung von Handelsströmen. Das Geschäft zwischen amerikanischen Sojabauern und chinesischen Mastbetrieben ist durch die Zölle gestört. Also kaufen die Chinesen ihr Soja inzwischen in Brasilien. Das macht brasilianisches Soja für europäische Käufer knapper und teurer. Zufällig werfen die US-Bauern gerade große Mengen davon billig auf den Markt. Die Geschäfte verlaufen langsamer als früher, besonders während der Umstellung. Doch am Ende haben wieder alle, was sie brauchen. Analog hat die chinesische Metallindustrie schon in der Vergangenheit punktuelle Maßnahmen der USA mit verstärkten Exporten nach Europa beantwortet. Europäische Metallunternehmen wichen daraufhin auf die USA aus.

Weitere Anpassungsmöglichkeit ergeben sich aus dem „Parisgeschütz“ dieses Handelskrieges: der kleinteiligen, 194-Seitigen US-Zollliste: Beispielsweise sind dort allerhand Arten von Matratzen gelistet. Ein Matratzenhersteller kann durch dieses Netz schlüpfen, indem er eine andere, nicht erfasste Art von Matratze produziert. Oder Polstermöbel. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman beschreibt übrigens unter der Überschrift Making Tariffs Corrupt Again, wie stark es lobbygetrieben sein kann, ob ein Produkt auf der Liste steht, eine Ausnahme bekommt oder die Ausnahme von der Ausnahme wird. Ganz anders sieht das Wall Street Journal diese Liste: Es betrachtet die Ausnahmen als Lastenheft der US-Versorgungssicherheit.

Drittländer: Veredelung und Verlagerung

Ein weiterer Ausweg ist die Veredelung im Ausland: Wenn ein chinesisches Produkt in einem deutschen Auto aufgeht, dann wird es als deutsches Produkt auf den amerikanischen Markt gelangen, obwohl es aus US-Sicht wettbewerbsverzerrend erzeugt wurde, und obwohl möglicherweise gerade dadurch der deutsche Hersteller einen amerikanischen Konkurrenten unterbieten kann. Diese Methode kann auch gezielt eingesetzt werden: Der chinesische Hersteller veredelt selbst sein Produkt in einem unverdächtigen Drittland gerade soweit, wie es die Umgehung der US-Maßnahmen erfordert.

Wenn all das nichts hilft, kann die Lösung in einer Produktionsverlagerung liegen. Die US-Handelskammer AmCham hat erhoben, dass als Konsequenz des Handelskonfliktes über ein Drittel der US-Unternehmen, die in China produzieren, über eine Produktionsverlagerung nachdenkt. Doch nur sechs Prozent wollen in die USA zurück. 30 % schielen auf Drittländer, die möglicherweise niedrigere Lohnkosten bieten und wo sie weniger leicht zwischen die Fronten geraten. Auch chinesische Unternehmen machen von der Möglichkeit nicht erst seit Beginn des Handelskriegs Gebrauch. Da China für bestimmte Verarbeitungsschritte langsam zu teuer wird, fließen diese Tätigkeiten in Länder wie Vietnam und Indien ab.

Gewinner und Verlierer in China

Peter Debaere von der University of Virginia hält die Strafzölle aufgrund der genannten Anpassungsmöglichkeiten für weitgehend wirkungslos. Die chinesische Wirtschaft steckte die Wogen des Handelskonfliktes bislang recht gelassen weg, da sie allen Unkenrufen zum Trotz ihre Exportquote zugunsten des Inlandskonsums gesenkt hat. Allerdings verbrauchen sich die Anpassungsmöglichkeiten in dem Maße, in dem die USA immer größere Teile der Importe aus China erfassen. Kurioserweise profitiert gerade die chinesische Fälscherindustrie: Sie bringt ihre Produkte auf dunklen Wegen ohnehin unverzollt in die USA – die Originale sind möglicherweise von den Maßnahmen betroffen und werden dadurch im Vergleich noch teurer.

China Handel: Die Fälscherindustrie profitiert vom Handelskonflikt
China Handel: Die Fälscherindustrie profitiert vom Handelskonflikt

Unmittelbare Profiteure sind jene Dienstleister, die Unternehmen bei der Produktionsverlagerung unterstützen. Ein Beispiel ist Kerry Logistics aus Hongkong. Das Unternehmen spürt den Trend der Produktionsverlagerungen seit 2016, als in China erhebliche Lohnanstiege spürbar wurden. Der Handelskrieg hat die Umsätze im ersten Halbjahr 2018 um 27 % auf 1,9 Mrd. EUR steigen lassen und den Gewinn um 20% auf 104 Mio. EUR. Die Aktie ist derzeit in der Nähe eines Dreijahreshochs.