Start Fondsmanager ESG in Asien: “Gut etabliert, aber noch Nachholbedarf”

ESG in Asien: “Gut etabliert, aber noch Nachholbedarf”

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ESG spielt eine immer wichtigere Rolle für die Finanzmärkte. Asien wird in Sachen ESG oft als Nachzügler angesehen – aber die Einstellung ändert sich, sagt Joep Huntjens, Head of Asian Fixed Income, NN Investment Partners. Wir sprachen mit ihm über die jüngsten Entwicklungen, die Treiber und das Potenzial von ESG in Asien.

AsiaFundManagers.com: Wie gut ist ESG in Asien im internationalen Vergleich etabliert?

Joep Huntjens: Obwohl Asien im Vergleich zu den Industrieländern einen großen Nachholbedarf hat, ist das Bewusstsein für ESG-Faktoren in den letzten Jahren rapide gestiegen. Man kann konstatieren, dass sich ESG bei Anlegern, Aufsichtsbehörden, börsennotierten Unternehmen und einer zunehmenden Anzahl von Anleiheemittenten in der asiatischen Region als Konzept durchgesetzt hat. Die Emittenten haben begonnen, sich der ESG-Aspekte bewusst zu werden. Die Informationen über Emissionen neuer Anleihen enthalten heutzutage in der Regel auch Informationen zu ESG. Es stimmt aber auch, dass der Fokus oft auf leicht erreichbaren Zielen liegt und echte Verhaltensänderungen länger brauchen werden.

Laut Morningstar werden die ESG-Assets in Asien ohne Japan im Jahr 2020 die 25-Milliarden-USD-Marke erreichen, was einem Wachstum von 130 % im Vergleich zu 2019 entspricht. Eine Beschleunigung des Wachstums von ESG-Assets im Jahr 2021 ist wahrscheinlich, da Klimawandel und Nachhaltigkeit seit der Corona-Pandemie zu einem viel größeren Anliegen für Verbraucher und Investoren geworden sind. Immer mehr asiatische Vermögensverwalter stellen ESG-Experten ein, Indexanbieter haben ESG-ausgerichtete Indizes aufgelegt und wir haben in letzter Zeit einen starken Anstieg von ESG-Fondsauflagen gesehen.

AsiaFundManagers.com: Was sind die Treiber für die zunehmende Bedeutung von ESG-Faktoren für Portfolios in Asien?

Joep Huntjens: Es gibt mehrere Gründe für die zunehmende Bedeutung von ESG-Faktoren im Management von Portfolios in Asien. Der wichtigste ist der zunehmende Druck der Endinvestoren. Dieser Trend begann mit großen institutionellen Investoren wie Staatsfonds, von denen viele begonnen haben, ESG-Faktoren in ihrer Investmentstrategie zu berücksichtigen. Asiatische Investoren haben schon immer auf das Governance-Risiko geachtet.

Eine große Veränderung ist, dass das Augenmerk auf ökologische und soziale Faktoren erweitert wurde. Das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen wird voraussichtlich zu einer steigenden Nachfrage nach ESG-Fonds bei Privatanlegern führen. Dies ist ein Trend, den wir derzeit in Europa deutlich beobachten können. Aufgrund des starken Fokus der jüngeren Generationen auf ESG-Themen ist dies ein struktureller Trend.

Der Druck, ESG-Faktoren in die Entscheidungen des Portfoliomanagements einzubeziehen, kommt nicht nur von den Endanlegern. Auch die Aufsichtsbehörden erwarten von den Vermögensverwaltern, dass sie diesen Faktoren zunehmend Beachtung schenken. So hat die Monetary Authority of Singapore im Dezember 2020 Richtlinien veröffentlicht, die definieren wie Vermögensverwalter Umweltrisiken bewerten, überwachen, verringern und offenlegen sollen.

Die Regulierung hat auch zu einer verstärkten Offenlegung von ESG-Informationen durch börsennotierte Unternehmen geführt. Börsennotierte Unternehmen in verschiedenen asiatischen Ländern wie Singapur und Hongkong sind verpflichtet, jährlich ESG-Daten zu veröffentlichen, und auch China und Korea arbeiten an einer verpflichtenden ESG-Offenlegung für börsennotierte Unternehmen.

Mehrere andere Börsen in der asiatischen Region haben Richtlinien für die Offenlegung von ESG-Daten herausgegeben, jedoch ist die Einhaltung dieser Richtlinien freiwillig. Obwohl die ESG-Offenlegungsstandards in Asien im Vergleich zu Europa hinterherhinken, sich je nach Land unterscheiden und für nicht börsennotierte Emittenten von Unternehmensanleihen nicht so umfassend sind, verbessert sich allmählich die Verfügbarkeit von ESG-Daten in Asien.

Die zunehmende Fülle an ESG-Informationen, die von investierten Unternehmen offengelegt und von Datenanbietern zur Verfügung gestellt werden, ermöglicht es Vermögensverwaltern, ESG-Risiken und -Trends besser einzuschätzen. Das hilft, das Risiko-Ertrags-Profil der von ihnen verwalteten Portfolios zu verbessern. Dies ist ein weiterer Treiber für die zunehmende Bedeutung von ESG-Faktoren im Portfoliomanagement in Asien und einer, der im asiatischen Raum besonders relevant ist.

Wichtige Volkswirtschaften in Asien wie China, Japan und Korea haben bereits angekündigt, im Zeitraum von 2050-2060 klimaneutral zu werden. Dies ist wichtig, weil es den Rahmen für das Investitionsverhalten der Unternehmen angibt – weg von traditionellen „schmutzigen“ Industrien hin zu saubereren Projekten. Angesichts der Tatsache, dass die asiatische Region fast 50% zu den globalen Kohlenstoffemissionen beiträgt, werden die Veränderungen, die sich aus diesen Kohlenstoffneutralitätsverpflichtungen ergeben, gewaltig sein. Sie können sowohl Chancen als auch Abwärtsrisiken mit sich bringen die nicht ignoriert werden können.

AsiaFundManagers.com: Wie hoch ist die Relevanz der Sustainable Development Goals in Asien im Vergleich zu Europa? Inwieweit gibt es Potenziale?

Joep Huntjens: Die EU hat einen positiven und konstruktiven Beitrag zur Entwicklung der 2030-Agenda geleistet. Europa hat sich verpflichtet, die SDGs (Sustainable Development Goals) in all seinen Richtlinien umzusetzen und ermutigt die EU-Staaten, dasselbe zu tun. Während die europäischen Länder bei den SDGs weltweit führend sind, nimmt die Relevanz der SDGs in Asien weiter zu. Die asiatischen Regierungen haben proaktiv reagiert und sind von der Verabschiedung der 2030-Agenda und der SDGs viel schneller zu deren Umsetzung auf nationaler Ebene übergegangen, als dies bei den Millenniums-Entwicklungszielen der Fall war.

Einige Länder wie Singapur und Korea haben Schritte unternommen, um die SDGs in bestehende nationale Entwicklungspläne, Strategien und Gesetze zu integrieren während viele andere Regierungen Koordinationsgremien einrichten oder stärken oder institutionelle Verantwortlichkeiten festlegen Die proaktive Reaktion zeigt, dass sich viele Regierungen dem Wandel verpflichtet fühlen. Einige haben bereits bewiesen, dass sie zu Veränderungen in der Lage sind.

Auf dem Finanzmarkt haben wir ein größeres Angebot von asiatischen Emittenten und eine entsprechende Nachfrage von asiatischen Vermögensverwaltern nach grünen, sozialen, nachhaltigen und blauen Anleihen beobachtet. Das Emissionsprospekt jeder Emission kann Aufschluss über die Rahmenbedingungen des Emittenten und dessen Ausrichtung/Beitrag zu den SDGs geben. Falls dies nicht der Fall ist, orientiert sich der Emittent oft an entsprechenden Prinzipien und Richtlinien der International Capital Markets Association (ICMA), der Climate Bonds Initiative (CBI) und des  Asean Capital Markets Forum (ACMF).

Die Finanzierungsziele des jeweiligen Green-, Social- oder Sustainability-Bond-Programms können oft über ein übergeordnetes Mapping der ICMA auf die SDGs abgebildet werden. Infolgedessen wird die zunehmende Aktivität asiatischer Emittenten bei gelabelten Anleihen zu einem erhöhten Bewusstsein für die SDGs und einem positiven Beitrag zu diesen führen.

Allein im Monat Januar 2021 meldete die HSBC die Emission von grünen Anleihen in Höhe von 6,6 Mrd. USD und stellte damit einen Monatsrekord auf. Obwohl argumentiert wurde, dass die Offenlegung von asiatischen Emittenten grüner Anleihen m Vergleich zu ihren globalen Konkurrenten im Rückstand ist, wird erwartet, dass asiatische Emittenten mit der Zeit zu ihren Pendants in den Industrieländern aufschließen werden.

AsiaFundManagers.com: Wie gut ist die Qualität der Informationen und Daten zu ESG-Faktoren für Unternehmen in verschiedenen asiatischen Ländern?

Joep Huntjens: Informationen und Daten zu ESG-Faktoren können stammen von ESG-Daten von Drittanbietern, veröffentlichten & geprüften Berichte von Unternehmen oder von neuen Datenströmen. Bei unserer umfassenden eigenen ESG-Analyse zur Überwachung der ESG-Performance asiatischer Anleiheemittenten haben wir festgestellt, dass die von Drittanbietern zur Verfügung gestellten Daten mitunter veraltet oder fehlerhaft sein können. Das Ergebnis der Bewertung der ESG-Performance eines Unternehmens kann auch zwischen den Drittanbietern stark variieren und oft ist die Abdeckung von Unternehmen aus Schwellenländern gering.

Was die veröffentlichten Berichte von Unternehmen angeht, decken sich unsere Beobachtungen mit dem von Corporate Knights und Aviva erstellten Ranking zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen an der Börse. Die thailändische Börse hat in diesem Ranking durchweg gut abgeschnitten und die thailändischen Unternehmen weisen bei unserer Prüfung bessere Offenlegungsstandards auf. Die meisten asiatischen Schwellenländer weisen ein hohes einstelliges oder zweistelliges Wachstum bei der Offenlegung auf, was sich mit unserer Beobachtung deckt, dass sich die Offenlegung der Nachhaltigkeit in den asiatischen Schwellenländern verbessert hat. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Japan, Korea und Indonesien, wo 1) die Offenlegung stagniert und 2) die Sprachbarriere für Unternehmen in diesen Ländern eine zusätzliche Herausforderung bei der Durchführung von ESG-Analysen darstellt.

Generell wird sich mit zunehmender Offenlegung von ESG-Berichten in Asien die Qualität der verfügbaren Informationen und Daten zu den ESG-Faktoren mit der Zeit verbessern. In Anbetracht des geringen Abdeckungsgrads durch externe Research-Anbieter sind Investmentmanager, die in der Lage sind, Entwicklungen zu verfolgen und eigenes, lokales ESG-Research für festverzinsliche Wertpapiere zu erstellen, flexibler und haben wahrscheinlich einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern, die sich ausschließlich auf externe Research-Anbieter verlassen.

AsiaFundManagers.com: Gibt es Belege dafür, dass ESG-Strategien (in Asien) langfristig höhere Renditen erzielen oder das Risiko im Portfolio reduzieren?

Joep Huntjens: Inmitten der Turbulenzen, die durch die Corona-Krise ausgelöst wurden, fiel die anhaltende Verlagerung hin zu nachhaltigen oder ESG-Investitionen auf. Die Pandemie veranlasste Investoren, Nachhaltigkeitsrisiken neu zu bewerten, ein Thema, das ihnen in den letzten Jahren bewusster geworden ist.

Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds legt nahe, dass die Performance von nachhaltigen und konventionellen Fonds vergleichbar ist. Dieses Ergebnis deckt sich weitgehend mit der Marktperformance von asiatischen Anleihen. So berichtet JP Morgan, dass der JESG-Index JACI von 2013 bis September 2020 ähnliche annualisierte Renditen aufweist wie sein nicht-ESG-Pendant JACI. Die ESG-Version des Asian Credit Index von JP Morgan hat ein ähnliches historisches Risiko-Rendite-Profil wie der herkömmliche Asian Credit Index und gleichzeitig ein übergeordnetes ESG-Profil.

Die Diskrepanz zwischen der ESG- und der konventionellen Version des Index unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wird wahrscheinlich bei Anlegern, denen Nachhaltigkeit ein Anliegen ist, auf Resonanz stoßen. Noch wichtiger ist, dass die Veränderungen, die sich aus dem bevorstehenden Übergang zu kohlenstoffneutralen Volkswirtschaften ergeben und die anstehenden Regulierungsänderungen zusammen mit der steigenden Anlegernachfrage nach nachhaltigen Lösungen, wahrscheinlich die relativen Performancetreiber in Zukunft verändern werden.

Entscheidend ist, dass historische Daten zeigen, dass asiatische Fixed-Income-Investoren in der Lage sind, ihren CO2-Fußabdruck deutlich zu reduzieren, ohne ihre erwarteten Renditen senken zu müssen. Das beweist, dass man tatsächlich angemessen entlohnt werden kann und gleichzeitig einen Beitrag zu einer wichtigen Sache leistet.

AsiaFundManagers.com: China schneidet in vielen ESG-Ratings aufgrund des Governance-Faktors nicht gut ab. In welche Märkte investieren Sie hauptsächlich?

Joep Huntjens: Aus der Sicht der Unternehmen zeigt unsere eigene ESG-Datenstatistik, dass die meisten asiatischen Länder immer noch hinter den Industrieländern zurückbleiben. Die Corporate Governance chinesischer Unternehmen gehört neben Korea und Japan zu den schwächeren.

NNIP Corporate ESG Score - Governance
(Source: NNIP)

Obwohl die aktuellen Governance-Werte in China hinterherhinken, glauben wir, dass es eine positive Dynamik gibt, die die Verbesserung der Governance sowie anderer Nachhaltigkeitsbereich ein China vorantreibt. Im Zuge der weiteren Internationalisierung Chinas herrscht eine ausgeprägte Bereitschaft, die Governance zu verbessern. Wir sind außerdem der Ansicht, dass ein verbessertes Governance-Profil auf staatlicher Ebene als Katalysator wirkt, um die Verbesserung der chinesischen Corporate Governance zu beschleunigen. Im Jahr 2020 hatte die chinesische Regierung die Korruption konsequent bekämpft und die Qualität der Regulierung verbessert. Damit hat sie die Voraussetzungen für eine verbesserte Corporate Governance durch einen sehr zentralisierten Ansatz geschaffen.

Der JP Morgan Asia Credit Index, der repräsentativ für den USD-Asien-Credit-Markt ist, setzt sich derzeit aus folgenden Emittenten zusammen: 51 % China, 11 % Indonesien, 8 % Südkorea, 7,9 % Hongkong und 6% Indien. Unser Anlageprozess integriert eine Vielzahl zukunftsorientierter Faktoren (Makro-, Fundamental-, ESG- und technische Analyse), um unsere Länder-/Sektorallokation und Emittentenwahl auf der Grundlage einer risikoadjustierten Renditeerwartung zu treffen.

AsiaFundManagers.com: Herzlichen Dank für das Interview.
Joep Huntjens, NNIP
Joep Huntjens (Source: NNIP)
Joep Huntjens

Head of Asian Fixed Income
NN Investment Partners

Joep Huntjens ist seit 2010 der Leiter des Asian Fixed Income Teams innerhalb der Global Credit Boutique und der Emerging Markets Debt Boutique von NN Investment Partners. Er ist verantwortlich für Asian Credit Investments für NNIPs pan-asiatische Portfolios sowie für Global Corporate Credit Portfolios.

Außerdem leitet er das Credit Analyst Team und ist Lead Portfolio Manager für die Asian Debt Hard Currency Strategie und die EM Corporate Debt Strategie sowie Senior Porfolio Manager für die Global Investment Grade Credit Strategie.

 

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