Start Investieren China: Jahr des eingesperrten oder des brüllenden Tigers?

China: Jahr des eingesperrten oder des brüllenden Tigers?

Two investment experts share their views.
China is celebrating the "Year of the Tiger"

In China haben gestern die Feierlichkeiten zum Mondneujahr begonnen, die traditionell sechzehn Tage dauern. Doch die Sorge um Chinas Wirtschaftsabschwächung Ende des Jahres hält an. Wird China im „Jahr des Tigers“ einen brüllenden oder einen eingesperrten Tiger hervorbringen?

Laut Sarvjeev S. Sidhu, Head of Emerging Market Strategy bei Aegon Asset Management, steht China ein Jahr mit weiteren Einschränkungen bevor, da die Wirtschaft durch die strenge Null-Covid-Politik, Probleme auf dem Immobilienmarkt, schleppende Verbraucherausgaben und die hochansteckende Omicron-Variante „im Käfig gehalten“ wird.

Für das Neujahrsfest haben die lokalen Behörden Reisebeschränkungen verhängt und die Bevölkerung aufgefordert, zu Hause zu bleiben; dasselbe auch für die bevorstehenden Olympischen Winterspiele in Peking (4.-20. Februar). „Chinas Null-Covid-Politik könnte bis zum Ende des Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas im Herbst 2022 andauern“, so der Stratege.

Die von der Regierung verhängten strengen Lockdowns, die Schließung von Produktionsstätten, die Einstellung des öffentlichen Verkehrs und die Schließung von Häfen werden wahrscheinlich weiterhin negative Auswirkungen auf die Erholung des Dienstleistungssektors und den Konsum haben, so Sidhu.

„Chinas langfristige Wachstumsumstellung geht weiter“

Sidhu geht davon aus, dass die chinesische Regierung für 2022 ein Wachstum von 5 bis 5,5 % anstrebt, nachdem es im vergangenen Jahr besser als erwartet ausgefallen war. Im Jahr 2021 wuchs die chinesische Wirtschaft um 8,1% gegenüber dem Vorjahr und lag damit deutlich über dem Ziel der Regierung von 6%.

„Breit angelegte Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen sollten die Märkte auf eine stärkere Lockerung hinweisen und dazu beitragen, den Abwärtsdruck auf das Wachstum auszugleichen“, so Sidhu.

Eine rasche Verlangsamung des privaten Konsums und eine starke Schwäche des Immobilienmarktes könnten auch die People’s Bank of China (PBoC) zu einer weiteren Lockerung veranlassen, so der Stratege von Aegon.

Sidhu erwartet außerdem, dass sich Chinas langfristige Wachstumsumstellung im Jahr des Tigers fortsetzen wird, „mit einer gezielten und unterstützenden Kreditpolitik, einschließlich der Ausgabe von Sonderanleihen durch lokale Regierungen. Die beschleunigte Emission von Kommunalanleihen wird das Wachstum der Infrastrukturinvestitionen unterstützen.“

Diese Faktoren, so der Stratege, könnten sich allmählich auf produktive Investitionen verlagern und den Konsum der Haushalte in den kommenden Jahren ankurbeln.

Sidhu warnt jedoch davor, dass der Abschwung im Immobiliensektor die Gesamtwirtschaft weiter belasten könnte. „Ein Wendepunkt ist noch nicht erreicht, aber die Erleichterung der Nutzung von Treuhandfonds durch die Bauträger und die Ermutigung der Banken, Kredite für den Erwerb von Immobilienprojekten zu gewähren und Fusionen und Übernahmen zu erleichtern, sind ermutigend“, sagt Sidhu.

Er geht davon aus, dass die Regierung den Kauf ihrer Vermögenswerte durch Käufer beschleunigen wird, zu denen auch andere Bauträger und lokale Regierungen gehören könnten.

China – „Diversifizierung und attraktive Bewertungen“

Dale Nicholls, Portfoliomanager bei Fidelity, ist derweil der Meinung, dass China im Jahr des Tigers „zurückbrüllen“ könnte.

„China befindet sich zweifellos in einer anderen Phase des Konjunkturzyklus mit einer Tendenz zur Lockerung, die sich erfahrungsgemäß oft unterstützend für die Märkte auswirkt“, so Nicholls. „Da die chinesische Zentralbank zu Beginn der Coronavirus-Pandemie anders vorgegangen ist als die westlichen Staaten mit ihrer lockeren Geldpolitik, verfügt sie über mehr Handlungsspielraum, um das Wachstum nach der Abschwächung im Jahr 2021 wieder zu stimulieren. Ein Beispiel dafür ist die jüngste Senkung des Zinssatzes für mittelfristige Kredite – zum ersten Mal seit April 2020.“

Obwohl das Jahr 2021 eine Flut neuer Regularien und Verschärfungen mit sich brachte, was für einige Unternehmen zu einem schwierigeren Umfeld führte, sei es wichtig, eine langfristige Perspektive zu behalten, so Nicholls. Außerdem sieht er, dass diese Reformen „wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht oder bereits überschritten“ haben.

„Wie es bei breit angelegten Korrekturen oft der Fall ist, standen auch einige Aktien mit geringerem Regulierungsrisiko unter Verkaufsdruck, was Chancen eröffnet hat. Die Kurse vieler kleinerer Unternehmen sind gefallen, während sie eigentlich von regulatorischen Maßnahmen in Bereichen wie Kartellrecht profitieren werden. Zudem hat die Bewertungslücke gegenüber globalen Konkurrenten ein hohes Ausmaß angenommen, obwohl die Märkte in mehreren Ländern mit ähnlichen regulatorischen Herausforderungen zu kämpfen haben. Nach unserer Einschätzung fällt das Chance/Risiko-Verhältnis angesichts der aktuellen Bewertungen nun eindeutig zugunsten der Anleger aus“, so Nicholls Einschätzung.

Der Fidelity-Portfoliomanager prognostiziert ein durchschnittliches Wachstum der Unternehmensgewinne von über 15 % in den nächsten zwölf Monaten. „Derzeit bewegt sich der Markt insgesamt auf einem Kurs/Gewinn-Verhältnis, das im historischen Vergleich und im Vergleich zu anderen Aktienmärkten weltweit attraktiv ist“, sagt Nicholls.