Start News Chinas Schuldenkrise – tickende Zeitbombe?

Chinas Schuldenkrise – tickende Zeitbombe?

Unter Wirtschaftsexperten gibt es eine anhaltende Kontroverse über Chinas steigende externe wie interne Verschuldung. Viele Experten glauben, dass Peking auf massive Kreditvergabe setzt, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Weitere Einschätzungen legen nahe, dass Chinas steigende Verschuldung die Qualität der Vermögenswerte verschlechtern und die Wachstumsrate in der Zukunft belasten könnte. Nach Ansicht von Länderanalysten steuert China aufgrund seiner schwer durchschaubaren Kreditbedingungen und hohen Zinssätze auf eine Finanzkrise zu.

Die Covid-19-Pandemie war ein direkter Katalysator für die Verschlechterung der Geschäftsergebnisse und führte zu einer neuen Welle von Unternehmensausfällen. Analysten vermuten, dass ein riesiges Konjunkturpaket und eine lockere Geldpolitik die Verschuldung der Unternehmen weiter in die Höhe getrieben haben. Inmitten einer schleppenden Konjunktur haben sich in der Vergangenheit vergebene Kredite in notleidende Kredite verwandelt, die die Geschäftstätigkeiten belasten.

Nach Angaben von Chinas National Institution for Finance and Development ist die Gesamtverschuldung des Landes im Jahr 2020 auf 270,1% des BIP gestiegen. Im Jahr 2019 waren es noch 246,5% des BIP. Mit Stand 2020 beläuft sich Chinas gesamtstaatliche Verschuldung auf rund 7 Bio. USD.

Chinas Schuldenprobleme haben zu Schlagzeilen machenden Zahlungsausfällen großer lokaler Unternehmen wie China State Railway Group, State Grid Corp. of China usw. geführt. “Die massive Verschuldung Chinas in den letzten Jahren wird sich sehr negativ auf Chinas Anleihen- und Aktienmärkte auswirken”, sagte Paul Smillie, Senior Investment Analyst bei Columbia Threadneedle Investments.

Steigende Verschuldung von Unternehmen und Verbrauchern

Große, staatlich unterstützte Unternehmen gehören zu den größten Kreditnehmern Chinas und halten die größten Verbindlichkeiten. Im April 2021 forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) China auf, die hohen Unternehmensschulden anzugehen, die durch die lockere Geldpolitik während der Pandemie verursacht wurden.

Daten der China Banking and Insurance Regulatory Commission deuten darauf hin, dass der Gewinn nach Steuern sowohl für kommunale Geschäftsbanken als auch für landwirtschaftliche Geschäftsbanken um 14-15% zurückging. Bis Ende Dezember 2020 ließ die notleidende Verschuldung den Saldo der Forderungsausfälle in den vier großen Banken Chinas um 22% auf 152,5 Mrd. USD wachsen. Dabei handelt es sich um die Industrial & Commercial Bank of China, die China Construction Bank, die Agricultural Bank of China und die Bank of China.

Darüber hinaus sind die Kredite, die von Chinas staatlichen Infrastrukturfinanzierungsgesellschaften und öffentlich-privaten Partnerschaften gehalten werden, oft versteckt. Analysten zufolge tauchen diese schwer durchschaubaren Kreditgeschäfte normalerweise nicht in den offiziellen Budgets oder Bilanzen der lokalen Regierungen auf.

Staatliche Banken bevorzugen in der Regel die Kreditvergabe an staatliche Unternehmen, da diese als sicherere Kreditnehmer gelten als private Firmen. Aus diesem Grund hat auch das Schattenbankwesen in China zugenommen und stellt ein Risiko für das Finanzsystem dar. Private Unternehmen haben sich an Finanzunternehmen außerhalb des formellen Bankensektors gewandt, was zu Chinas Gesamtverschuldung beiträgt.

Darüber hinaus ist die Verschuldung der Verbraucher in China das am schnellsten wachsende Segment der Gesamtverschuldung, in Form von Hypotheken- und Verbraucherkrediten. Chinas gesamte Inlandsverschuldung ist nach Angaben des Institute of International Finance (IIF) auf 335% des BIP im Jahr 2020 angestiegen.

Chinas Einfluss in Übersee durch BRI

Peking baut seinen globalen Einfluss über Finanzierungen in Südasien weiter aus. Chinesische staatlich geförderte Banken haben sich zu den größten bilateralen Gläubigern weltweit entwickelt. Laut Pictet Asset Management ist der chinesische Schuldenmarkt in den 10 Jahren bis Dezember 2018 um 479% gewachsen und ist damit nach den USA der zweitgrößte der Welt. China ist einer der größten Gläubiger einkommensschwacher Länder und vergibt aktiv Kredite an aufstrebende Volkswirtschaften wie die in Afrika.

Laut einem Bericht des Institute of International Finance stiegen Chinas ausstehenden Schuldenforderungen gegenüber dem Rest der Welt bis Mitte 2020 auf mehr als 5,6 Bio. USD. Im Jahr 2006 waren es noch rund 1,6 Bio. USD.

Analysten beschreiben Pekings Vorgehen beim Kreditgeschäft als zunehmend opportunistisch. Viele Ökonomen bemängeln, dass das Land weiterhin Kredite mit Auflagen vergibt. China habe dabei in zahlreichen Strategien Schulden erlassen und Kredite ausgehandelt, um seine wirtschaftliche, politische und militärische Präsenz gegenüber finanziell anfälligen Ländern zu stärken. Ausländische Nationen haben China für seine räuberischen Kreditvergabepraktiken und seinen rasanten Aufstieg zum größten offiziellen Gläubiger der Welt kritisiert.

Dazu berichtet China nicht über seine internationale Kreditvergabe. Chinas Kreditvergabe ist staatlich gefördert, anders als die der USA oder Europas, die größtenteils privatwirtschaftlich betrieben werden. Und die meisten globalen Kreditrating-Agenturen oder Datenanbieter konzentrieren sich auf private Gläubiger. Der IWF räumte ein, dass China weitere Verbesserungen bei der Datentransparenz für den Erfolg der globalen Entschuldungsbemühungen benötigt.

Zu den jüngsten Beispielen für Schuldenerlasse gehören Pakistan, Dschibuti, die Malediven, Laos, die Mongolei, Montenegro, Tadschikistan und Kirgisistan. Schuldenerlasse erfolgten im Austausch für die Mehrheitskontrolle über die Infrastruktur, die durch die China Belt and Road Initiative (BRI) finanziert werden sollte.

Um die Schuldenlast in Übersee zu reduzieren, hat China gemeinsam mit der G20-Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes Möglichkeiten geboten, die Schuldenlast im Austausch für Verpflichtungen der Schuldnerstaaten für „Debt-for-Climate“- und „Debt-for-Nature“-Swaps zu verringern.

Sorge am chinesischen Anleihenmarkt

Der chinesische Anleihenmarkt ist mit einem Volumen von rund 18 Bio. USD der zweitgrößte der Welt. Nach Angaben von Refinitiv haben chinesische Staatsanleihen die weltweiten Fremdkapitalmärkte dominiert, wobei 2019 394 Mio. USD aufgenommen wurden. Dies entsprach 46% der chinesischen Schuldenmärkte. Doch auch der stetig wachsende Anleihenmarkt steht vor der Herausforderung einer wachsenden Schuldenkrise in China.

Die Covid-19-Pandemie hat Chinas Wirtschaft mit einer hohen Schuldenlast heimgesucht und zu einem Rückgang der Anleiheninvestments ausländischer Investoren geführt. Da es zu Ausfällen bei ausländischen Anleihen kam, verzeichneten auch chinesische Staatsanleihen den ersten Rückgang bei ausländischen Investoren seit Februar 2019. Der internationale Besitz von chinesischen Staatsanleihen ging im März leicht auf 313 Mrd. USD zurück, wie Daten von China Central Depository & Clearing Co nahelegen.

Die Nichtrückzahlung von Kapital oder Zinsen für ausstehende Anleihen hat die Ausfälle chinesischer Unternehmensanleihen auf ein Allzeithoch von 29 Mrd. USD im Jahr 2020 befördert. Auch die Kosten für den Schuldendienst chinesischer Unternehmen steigen, da Anleihen in Höhe von 2,14 Bio. USD bis 2023 fällig werden.

Der Umgang mit Chinas Schuldenkrise

In letzter Zeit haben Finanzaufsichtsbehörden verschiedene Maßnahmen ergriffen und strengere Regeln für die Kreditaufnahme der verschuldeten Provinzen Chinas eingeführt. Dabei ist die chinesische Regierung bestrebt, sich nicht wie in der Vergangenheit auf massive Kredit- und Infrastrukturanreize für das Wirtschaftswachstum zu verlassen.

Das Finanzministerium hat eine Reihe von Regionalverwaltungen aufgefordert, ihren Beitrag bei der Bereinigung der Schuldenkrise im Land beizutragen. Seit 2019 sind auch alle Provinzbeamten angewiesen, ihre Kreditaufnahmen regelmäßig in einem zentralisierten System zu melden.

Für die bevorstehende Finanzierung von Autobahn- und Infrastrukturprojekten anderer Art plant China auch die Einführung von Real-Estate-Investment-Trusts. Das Land versucht, Geld von institutionellen und individuellen Investoren zu sammeln, was eine gewisse Besorgnis über die wachsende Verschuldung der Regionalverwaltung erkennen lässt.

China hat kürzlich darauf gedrängt, angeschlagene kleine Kreditgeber zusammenzulegen. So haben auch Fusionen von Banken wie Shanxi und Sichuan stattgefunden, um die Kreditwürdigkeit Chinas aufrechtzuerhalten. Auch Ratingagenturen heben Chinas Schuldenkrise hervor und erhöhen damit das Risiko einer Finanzkrise oder einer Verlangsamung des Wachstums. Zudem haben Ausfälle von Anleihen hochrangiger Unternehmen Ratingunternehmen dazu veranlasst, an der Verbesserung der Ratingmethoden und Ratingqualität zu arbeiten.

Ökonomen gehen davon aus, dass der weltweite Wirtschaftsaufschwung durch die Wiedereröffnung in Folge von Lockdowns auch die Freisetzung von Rückstellungen für Risikokredite in China nach sich ziehen wird.

Redakteurin für Business, Wirtschaft und Finanzmärkte. Selbst passionierte Investorin.