Start Asien Wirtschaft Droht die chinesische Wirtschaft einzubrechen?

Droht die chinesische Wirtschaft einzubrechen?

Chinesische Wirtschaft - droht der Zusammenbruch?

Die chinesische Wirtschaft steht nach Meinung einiger Marktbeobachter seit vielen Jahren am Rande einer harten Landung. Werden sie 2019 Recht behalten? Andy Rothman, Investmentstratege bei Matthews Asia, über die jüngsten Ereignisse und die Perspektiven für die chinesische Wirtschaft.

AsiaFundManagers.com: Das chinesische Wirtschaftswachstum hat sich Ende 2018 verlangsamt. Droht ein heftiger Einbruch von Chinas Wirtschaft?

Andy Rothman: Betrachten wir den größten Teil der chinesischen Wirtschaft – den Konsum. Das Einkommenswachstum ist natürlich die Grundlage für den privaten Konsum. Im vierten Quartal 2018 verlangsamte sich das inflationsbereinigte (reale) Einkommenswachstum etwas auf 6,2 Prozent im Jahresvergleich, gegenüber 6,9 Prozent im vierten Quartal 2017. Dieser Grad der Verlangsamung entsprach meinen Erwartungen. Erwähnenswert ist, dass das Tempo des letzten Quartals in etwa dem des vierten Quartals 2016 mit 6,3 Prozent entsprach.

China, BIP pro Kopf

China, BIP pro Kopf Entwicklung

Einbruch der PKW-Verkäufe Grund für Verlangsamung

Andy Rothman: Eine Zahl, die im letzten Quartal negativ überraschte, war die nominale Wachstumsrate der Einzelhandelsumsätze von Konsumgütern größerer Unternehmen. Sie schwächte sich von 7,3 Prozent im vierten Quartal 2017 auf 2,6 Prozent ab. Diese starke Verlangsamung war jedoch fast ausschließlich auf einen Einbruch der Automobilverkäufe zurückzuführen. Diese gingen im Jahresvergleich um 8,3 Prozent zurück, gegenüber einem Anstieg von 4,4 Prozent im vierten Quartal 2017.

AFM: Was sind die Gründe für den Einbruch des Autoverkaufs?

Andy Rothman: Dieser Zusammenbruch der Neuwagenverkäufe war nicht Ausdruck mangelnder Kaufkraft oder Stimmung der Verbraucher. Er war weitgehend die Folge einer vorübergehenden Steuersenkung von Ende 2015 bis Ende 2017. Diese Maßnahme vorverlagerte die Nachfrage. Der Einzelhandelsabsatz von Autos stieg 2016 um 10,1 Prozent und 2017 um 5,6 Prozent. Aus diesem Grund dürften die Neuwagenverkäufe auch 2019 schwach bleiben.

Tatsächlich stiegen die nominalen Einzelhandelsumsätze größerer Unternehmen exklusive Pkw-Geschäft im letzten Quartal um 7,7 Prozent, verglichen mit 8,6 Prozent im vierten Quartal 2017 und 8 Prozent im vierten Quartal 2016. Das ist keine dramatische Verlangsamung, zumal ein starker Rückgang der globalen Ölpreise auch zu einem langsameren Wachstum der Einzelhandelsumsätze beigetragen hat, da die Benzinpreise gesunken sind.

AFM: Wie hat sich der Konsum der privaten Haushalte verändert?

Andy Rothman: Inflationsbereinigt beschleunigte sich die Wachstumsrate der Einzelhandelsumsätze im Dezember 2018 auf 6,7 Prozent im Jahresvergleich, gegenüber 5,8 Prozent im November und 5,6 Prozent im Oktober, wenngleich sie von 7,8 Prozent im Dezember 2017 gesunken war.

Haushaltskonsum unterstützt chinesische Wirtschaft

Eine weitere Perspektive zeigt, dass der private Konsum im vierten Quartal 2018 um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 6,1 Prozent stieg – trotz der starken Verlangsamung der Automobilverkäufe. Diese Beschleunigung spiegelt die steigende Bedeutung der Verbraucherausgaben für den Dienstleistungssektor wider. Mittlerweile machen Dienstleistungen 44,2 Prozent des Haushaltskonsum aus und liegen damit um 1,6 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.

Die Konsumdaten der Haushalte decken den gesamten Bereich der Ausgaben für Dienstleistungen ab, wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Miete, Reisen und Unterhaltung, während sich die Einzelhandelsdaten auf Restaurants und andere Dienstleistungen im Zusammenhang mit Lebensmitteln beschränken. Die Einzelhandelsumsätze decken die Ausgaben von Unternehmen und Regierungsbehörden ab, während die Verbrauchsdaten der Haushalte Organisationen ausschließen.

Das Wachstum war nicht schlecht, aber die Stimmung

AFM: Wenn der Einbruch beim Wachstum nicht so drastisch war, warum war die Marktstimmung in China dann so schlecht?

Andy Rothman: Der wichtigste Treiber für Pessimismus war die Angst vor einem Handelskrieg mit den USA. Inländische Investoren sagten mir, sie seien besorgt über weit mehr als nur eine Unterbrechung der Lieferketten in Chinas wichtigsten Exportmarkt. Sie befürchteten, dass Präsident Trump den Konflikt über die Zölle hinaus eskalieren könnte, indem er die Möglichkeiten der Chinesen, in den USA zu studieren, einschränkt oder chinesische Importe amerikanischer Halbleiter verbot. US-Chips sind das Fundament des chinesischen Technologiesektors. Die negativen Folgen einer möglichen Beziehung zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt im Stil des Kalten Krieges haben die Stimmung im vergangenen Jahr stark belastet.

Veränderungen bei Schattenbanking belastet chinesische Wirtschaft

Ein weiterer Faktor waren die unbeabsichtigten Folgen der Bemühungen der Regierung, das Finanzsystem zu entlasten. Das Schattenbanking wurde im vergangenen Jahr stark reduziert. Die Kredite außerhalb des regulären Bankensystems gingen im Vergleich zum Dezember um fast 11 Prozent zurück. Im Dezember 2017 stand hier noch ein Anstieg von 15 Prozent. Die Gesamtkredite stiegen im vergangenen Jahr um rund 10 Prozent, aber die Zusammensetzung änderte sich: Auf traditionelle Bankkredite entfielen 81 Prozent des neuen Kreditvolumens, gegenüber 51 Prozent im Jahr 2013. Eine ähnliche Entwicklung gab es bei der Vergabe von Peer-to-Peer-Krediten. Während diese Veränderungen langfristig positiv für das Finanzsystem sind, verursachten sie kurzfristige Beeinträchtigungen für viele Privatunternehmen. Diese zählen zu den größten Empfängern von Schattenkrediten.

AFM: Wie geht es mit dem Handelskonflikt weiter? Erwarten Sie eine Lösung?

Andy Rothman: Ich erwarte eine Einigung im ersten im Handelsstreit zwischen den USA und China im ersten Halbjahr 2019. Trump scheint zu glauben, dass die Lösung dieses Problems und die Aufhebung seiner Zölle auf chinesische Importe für seine Wiederwahl-Aussichten wichtig sind. Deshalb hat er eine realistischere Verhandlungsstrategie gewählt. Dazu zählt ein Verzicht auf seinen irrationalen Fokus auf das bilaterale Handelsdefizit sowie die Forderung an Xi, tiefgreifende strukturelle Veränderungen vorzunehmen, wie die Abschaffung seiner Industriepolitik und die Unterstützung von Staatsunternehmen. Ich denke, Xi erkennt an, dass die verbleibenden Forderungen von Trump, einschließlich eines besseren Marktzugangs für amerikanische Unternehmen und eines stärkeren Schutzes der Rechte an geistigem Eigentum, zum wirtschaftlichen Fortschritt Chinas beitragen werden. Xi will ebenfalls einen Konflikt vermeiden, der zu einem Technologiekrieg eskalieren könnte und Chinas Zugang zu US-Halbleitern gefährdet. Ein Trump-Xi Deal wird die längerfristigen Herausforderungen in den bilateralen Beziehungen nicht lösen. Aber ein Abkommen wird die kurzfristigen Befürchtungen vor einem eskalierenden Handelskrieg beseitigen.

AFM: Wie wirken sich die Verzerrungen im Schattenbankensystem weiter auf die Wirtschaft aus?

Andy Rothman: Xi hat sich bereits von seiner rhetorischen Umarmung der Staatsunternehmen abgesetzt, indem er jüngst öffentlich die Unterstützung von Unternehmern zum Ausdruck brachte. Seine Bankaufsichtsbehörden haben auch eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, die darauf abzielen, die Kreditvergabe an Privatunternehmen zu erhöhen. Es ist zwar nicht klar, wie wirksam diese Maßnahmen sein werden, aber die Auswirkungen auf die unternehmerische Stimmung sollten in den kommenden Quartalen deutlich werden.

Eine moderate Lockerung der Geld- und Fiskalpolitik ist ebenfalls ein Grund zum Optimismus in diesem Jahr. Die chinesische Bankenaufsichthat angekündigt, dass sie Maßnahmen ergreifen werde, um die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Schattenbanken abzumildern. Dazu zählt auch die Erhöhung der Interbankenliquidität, die die Interbankenzinsen senken wird. Die Hypothekenzinsen haben bereits begonnen zu sinken. Damit einher geht eine moderate fiskalpolitische Lockerung, die weitere Steuersenkungen und einen leichten Anstieg der Infrastrukturausgaben beinhaltet.

AFM: Herr Rothman, vielen Dank für Ihre Einblicke.

 

Andy Rothman über die chinesische Wirtschaft und einen möglichen Zusammenbruch

Andy Rothman
Investmentstratege, Matthews Asia

Andy Rothman lebte und arbeitete mehr als 20 Jahre lang in China und analysierte das wirtschaftliche und politische Umfeld des Landes, bevor er 2014 zu Matthews Asia kam. Als Investmentstratege hat er eine führende Rolle bei der Analyse und Bewertung der chinesischen Politik und Wirtschaft.