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Demografische Herausforderungen eröffnen Möglichkeiten für China Investments

China Investments - Symbol Große Mauer
Die Chinesische Mauer

China steht vor einer Reihe von wachstumsbezogenen Herausforderungen. Die Auswirkungen des Handelskonflikts mit den USA fordern ihren Tribut ebenso wie demographische Aspekte. Gleichzeitig zeigen sich neue Chancen für Investments in China, weiß May Ling Wee, China Equities Manager bei Janus Henderson.

AsiaFundManagers.com: Welche Auswirkungen hat der Handelskonflikt auf das bisherige Wachstum Chinas?

May Ling Wee: Die Beziehungen zwischen den USA und China sind ständig im Fluss, und über den Ausgang des Handelskrieges können wir nur spekulieren. Aus heutiger Sicht ist unseres Erachtens in nächster Zeit kaum mit einem Handelsabkommen zu rechnen. Bei dem Konflikt zwischen China und den USA geht es aber nicht nur um den Handel. Er ist auch ein Kampf um technologische und wirtschaftliche Überlegenheit sowie geopolitischen Einfluss. Wir rechnen daher mit einem langwierigen „Krieg“, für den es keine schnelle Lösung gibt.

Als Erstes und ganz unmittelbar hat sich der Konflikt auf das Vertrauen der Unternehmer in China und damit deren Investitionsbereitschaft ausgewirkt. Inzwischen haben sich die Handelszahlen im Reich der Mitte verschlechtert bei insgesamt schwächerem Handel. Dagegen erweisen sich die Handelsdaten alternativer Lieferländer wie Vietnam und Taiwans Exporte in die USA als widerstandsfähiger.

Unter Druck geraten ist auch das verarbeitende Gewerbe Chinas. Die Investitionen in elektronische Maschinen und die Herstellung in der Leichtindustrie sind seit Jahresbeginn kaum gewachsen. Dies ist eine erhebliche Veränderung gegenüber dem konstanten ein- bis niedrigem zweistelligen Wachstum der letzten Jahre. China ist ein wichtiges Glied der globalen Lieferkette für Elektronikbauteile, ein Bereich, in dem sowohl private in- als auch ausländische Investitionen einen stetigen Anstieg verzeichnet haben. Die Verlagerung der Produktion von Billiggütern in asiatische Nachbarländer hatte schon vor dem Ausbruch des Handelskrieges begonnen, da China bereits seinen Vorteil als Niedriglohnland mit kaum qualifizierten Arbeitskräften an Länder wie Vietnam, Kambodscha und Indonesien verloren hatte. Dieser Prozess der Standortverlagerung wird sich fortsetzen, wenn nicht sogar beschleunigen, denn jeder Unternehmer wird genau prüfen, welche Vorteile ihm eine Diversifizierung seiner Produktionsbasis bringt. 

Chinas Eigenständigkeit und Technologieunabhängigkeit werden sich verstärken

AsiaFundManagers.com: Wie abhängig ist China von den USA wenn es um Technologie geht?

May Ling Wee: Kern des Handelskrieges ist jedoch die technologische Vorherrschaft, mit der ein wirtschaftlicher (durch Produktivitätssteigerungen) und geopolitischer Vorteil verbunden ist. Zölle und andere Maßnahmen werden China nur weiter darin bestärken, autarker zu werden und seine Technologieabhängigkeit zu verringern. Dabei können die USA noch viele Hebel in Bewegung setzen, die nichts mit dem Handel zu tun haben. Ein großer Schwachpunkt Chinas ist seine Abhängigkeit von ausländischer Technologie, insbesondere wenn es um Halbleiter geht.

Sie sind heute in vielen Branchen ein unverzichtbares Bauteil, und wenn nur eine Komponente fehlt, kann ein Endprodukt nicht mehr produziert werden. Peking wird deshalb noch entschlossener darauf hinarbeiten, die eigenen Unternehmen zu unterstützen und neue aufzubauen, um innerhalb der Technologie-Lieferkette wettbewerbsfähig und autark zu sein. Daher erwarten wir, dass chinesische Technologie- und Industrieunternehmen viel mehr in Forschung und Entwicklung investieren werden, um nicht mehr vom Ausland abhängig zu sein.

AsiaFundManagers.com: China hat versprochen, ausländischen Investoren den Marktzugang zu erleichtern. Welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie?

May Ling Wee: Das Reich der Mitte schützt seine heimische Industrie, indem es ausländischen Unternehmen nur über Joint Ventures mit lokalen Partnern den Zugang zu seinem Markt gewährt wie z.B. in der Automobil- und Lebensversicherungsbranche. China will aber nicht als ein Land gesehen werden, das sich abschottet, und weiterhin ein wichtiger Akteur im globalen Handel mit Waren und Dienstleistungen sein.

Investitionen in China: Öffnung der Automobil- und Finanzindustrie

May Ling Wee: Deshalb wurden in jüngster Zeit die Bestimmungen für ausländische Beteiligungen in der chinesischen Automobil- und Finanzindustrie verstärkt gelockert. Dies sollte es ausländischen Versicherungen, Wertpapierfirmen und Vermögensverwaltern in China ermöglichen, in den vollständigen Besitz ihres Geschäfts zu gelangen und in der Region zu expandieren. Hierzu können sie bewährte Verfahren in die Finanzindustrie, ausländisches Fachwissen, eine verbesserte Produktpalette und mehr Wettbewerb einbringen.
AsiaFundManagers.com: Das rasante Wachstum Chinas in den letzten Jahrzehnten hat zu einigen negativen Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt geführt. Wo berücksichtigen Sie ESG-Faktoren (environmental, social and governance) in Ihren Portfolios?

May Ling Wee: Anlegen in China ist eine komplexe Sache. Was die Umwelt anbelangt, hat das Riesenreich nach jahrelangen Investitionen in die Schwer- und Bergbauindustrie sowie die Textil- und Elektronikbranche viele Ressourcen in erneuerbare Energien umgelenkt. Es ist heute eine reichere Volkswirtschaft, deren Menschen ein besseres Umfeld zum Leben fordern. Um nachhaltiges Wachstum zu gewährleisten, fördert die chinesische Politik mithilfe von Subventionen und Investitionen erneuerbare Energien. Sie setzt höhere Umweltstandards für die Schwerindustrie durch und drängt so viele kleinere Unternehmen aus dem Markt, die nicht über die notwendige Größe und Ressourcen verfügen, um in die nötigen Umweltschutzmaßnahmen zu investieren.

Wir haben Wege gefunden, um von derartigen Anlagechancen zu profitieren. In der Erdgasverteilungsindustrie wird die Regierungsinitiative „Battle for Blue Sky“ (ein Dreijahresplan für sauberere Luft) und die Umstellung von Kohle auf Erdgas in Nordchina die Erdgasnachfrage dauerhaft anheizen. Aber nur in Bereiche zu investieren, die die Regierung als Schwerpunkte identifiziert hat, ist nicht immer zielführend. In vielen Fällen bedeuten Subventionen und Bemühungen zur Förderung einer Industrie, dass zusätzlich viel privates und öffentliches Kapital eingeworben wird. Dies zeigte sich in der Wind-, Solar- und Elektrofahrzeugindustrie und führte letztlich zu Überkapazitäten und wenig Preissetzungsmacht der Branchenteilnehmer.
AsiaFundManagers.com: China steht vor einem demographischen Rückgang. Das bringt Herausforderungen auf der einen Seite, eröffnet aber auch Möglichkeiten für Investments. Welche sehen Sie?

May Ling Wee: Ohne Zweifel wird der demografische Wandel auch China vor wachsende Herausforderungen stellen. Die Bevölkerungsgruppe im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren wächst nicht mehr, die Altersgruppe der über 65-Jährigen dagegen schon. Dennoch treten in China jedes Jahr immer noch viele Menschen neu in die Arbeitswelt ein. Im verarbeitenden Gewerbe konzentrieren wir uns auf Unternehmen, die weiterhin in Forschung und Entwicklung investieren, um die Automatisierung und Effektivität ihrer Produktionsprozesse zu erhöhen, die Produktivität zu steigern und die Zahl der benötigten Arbeitskräfte zu reduzieren.

Lebensversicherung, Vermögensverwaltung, Reise- und Konsumgüterindustrie im Blick behalten

May Ling Wee: Wir glauben jedoch, dass das kollektive Vermögen der alternden Bevölkerung Anlagechancen in Dienstleistungsbranchen wie Lebensversicherungen, Vermögensverwaltung und Reisen schafft. In China sind Versicherungen im Verhältnis zum BIP nach wie vor nur wenig verbreitet, und die Absicherungslücke ist groß. Bei älteren Arbeitnehmern und vielen Unternehmern wächst der Wunsch nach Vermögensschutz und -wachstum, da für diese Gruppe der Vermögensübergang auf die nächste Generation sowie die Absicherung im Alter größere Bedeutung erlangt.

AsiaFundManagers.com: Welche Branchen bieten Ihrer Meinung nach derzeit die attraktivsten Investitionsmöglichkeiten in China?

May Ling Wee: Wir finden nach wie vor den Konsumsektor im Reich der Mitte attraktiv. Dazu gehören nicht nur Verbrauchsgüter und zyklische Konsumgüter, sondern auch andere verbraucherorientierte Bereiche wie Lebensversicherungen, Gesundheit, Automobile und Internet. Der Handelskrieg und weitere Zölle werden sich zweifellos negativ auf die Stimmung von Verbrauchern und Unternehmen auswirken. Dabei ist die Konsumnachfrage stabiler als die Nachfrage der Unternehmen. Dies ist auf niedrigere Ticketpreise und die Erschwinglichkeit von Konsumgütern sowie die Fähigkeit von Konsumgüterfirmen zurückzuführen, ihr Produktangebot zu aktualisieren und anzupassen.

Wir beobachten steigende Verbreitungs- und Akzeptanzraten sowie Marktanteilsgewinne führender Unternehmen in Bereichen wie Online-Reisen, E-Commerce und Nachhilfeunterricht. Und das trotz des schwächeren makroökonomischen Umfelds. Interessant finden wir auch den Glücksspielsektor in Macau, da in diesem Bereich viel Cashflow generiert wird. Zudem erweist sich das Massengeschäft, mit dem einige Anbieter einen großen Teil ihrer Gewinne erwirtschaften, als resilient, insbesondere angesichts der besseren Erreichbarkeit Macaus für Festlandbewohner.
AsiaFundManagers.com: Vielen Dank für das Interview.

 

May Ling Wee, Janus Henderson
May Ling Wee (Quelle: Janus Henderson Investors)

May Ling Wee
China Aktien-Managerin
Janus Henderson Investors

May Ling Wee ist Investment Manager bei Janus Henderson Investors seit ihrem Wechsel zu Henderson im Jahr 2015. Bei Lloyd George Management in Hongkong war sie zuvor als Portfoliomanagerin für Aktienfonds mit Schwerpunkt Greater China und Hongkong zuständig. Dem war die Tätigkeit als Investmentanalystin bei der Deutschen Bank in Hongkong vorausgegangen. Ihre Investmentkarriere begann als Research Analystin bei Dresdner Kleinwort Wasserstein Securities in Singapur und später in Hongkong. May Ling Wee hat an der University of New South Wales in Sydney Wirtschafts- und Finanzwissenschaften (BCom) studiert. Sie ist Chartered Financial Analyst und verfügt über 21 Jahre Berufserfahrung in der Finanzbranche.