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Zweite Viruswelle in Indien schürt Sorgen um die Wirtschaft

Coronavirus India second wave
Medics in Guwahati, Assam, India (Source:

In Indien, dem größten Impfstoffproduzenten der Welt, herrscht ein landesweiter Gesundheitsnotstand. Die zweite Welle von Coronavirus-Infektionen hat in Indien, das täglich den höchsten Anstieg an Covid-Fällen weltweit verzeichnete, ernsthafte Sorgen um die schnelle Machbarkeit eine wirtschaftliche Wiederbelebung ausgelöst.

Indiens zweite Coronavirus-Welle hat zu einem Mangel an Intensivbetten, Sauerstoffvorräten und wichtigen Medikamenten in Krankenhäusern geführt und überfordert Krematorien und Bestattungsorte in den meisten Bundesstaaten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren die fünf indischen Bundesstaaten Maharashtra, Kerala, Karnataka, Tamil Nadu und Andhra Pradesh für mehr als 55% der Gesamtfälle verantwortlich.

Ausländische Staaten wie die USA, Großbritannien, Singapur und Hongkong haben ihre Reisebeschränkungen für Indien verschärft. Der starke Anstieg der neuen Covid-19-Fälle auf mehr als 200.000 pro Tag bedeutet eine zweite Welle, die deutlich höher ist als die erste Welle im vergangenen Jahr.

Was verursacht den Anstieg der Fälle?

Anders als beim weltweit größten Lockdown im letzten Jahr war die Reaktion von Modis Regierung auf die zweite Welle des Anstiegs gedämpft, ohne landesweite Lockdowns. Außerdem glaubte Indien, die Pandemie besiegt zu haben, da die Regierung zu Beginn des Jahres die Initiative “Vaccine Maitri” startete. Nach Ansicht von Kritikern nutzte die Regierung die Impfkampagne als Vorwand, um Lockdowns und Reisebeschränkungen aufzuheben.

Die Kritik an der indischen Regierung wuchs, da religiöse Feste und Wahlveranstaltungen von Tausenden besucht wurden. Die Nichteinhaltung von Abstandsregelungen, Maskentragen und anderen Gesundheitsmaßnahmen trugen ebenfalls zum aktuellen Anstieg neuer Fälle bei.

Es wird vermutet, dass sich die neue Variante des Coronavirus, die eine so genannte Doppelmutation aufweist, trotz der Eindämmungsbemühungen in Indien schneller ausbreitet als die bereits existierenden Varianten. In mindestens vier Bundesstaaten wurde nun zudem eine dritte Mutation dieses B.1.617-Stammes identifiziert.

Um der Ausbreitung entgegenzuwirken, stellte die indische Regierung kürzlich Pläne vor, die Herstellung von antiviralen Medikamenten und die Produktion von medizinischem Sauerstoff finanziell zu beschleunigen.

Die jüngsten Bemühungen, alle Bürger über 18 Jahren ab dem 1. Mai zu impfen (zuvor war dies nur für Bürgern über 45 Jahren geplant), könnte ebenfalls eine gewisse Linderung der Fallzahlen bringen und eine schnellere wirtschaftliche Erholung bewirken. Laut Gesundheitsexperten kann die zweite Coronavirus-Welle bis zu 100 Tage andauern, und solche Wellen werden immer wieder kommen, bevor nicht mindestens 70% der Bevölkerung geimpft sind.

Wirtschaftliche Kontraktion unausweichlich?

Die zweite Welle überrollt die Wirtschaft. Im ganzen Land beginnen die Städte wieder die öffentliche Aktivität herunterzufahren, was die Wirtschaftstätigkeit schwächt und zig Millionen Arbeiter zur Rückkehr in ihre Heimatstaaten zwingt. Dies hat die Ängste vor Armut und einer noch größeren Ausbreitung durch die Übertragung in Kommunen geschürt.

Viele Top-Banken und Brokerhäuser wie Moodys, IRCA Rating, S&P Global haben die Prognosen für Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das Geschäftsjahr 2022 herabgestuft. Während der IWF Anfang April ein Wachstum von 12,5% statt 11,5% für Indien prognostizierte, hielt die Reserve Bank of India (RBI) ihre Schätzung für das Wachstum 2021-22 unverändert bei 10,5%.

Dr. V K Vijayakumar, Chef-Investment-Stratege bei Geojit Financial Services, sagte: “Die Ziele von rund 11% BIP-Wachstum und über 30% Gewinnwachstum für das Geschäftsjahr 2022, die in der Zeit vor der zweiten Welle beschlossen wurden, werden wahrscheinlich verfehlt.”

Da in vielen Bundesstaaten der Impfstoff knapp wird, wird erwartet, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der aktuellen Welle mindestens bis Ende Juni 2021 erheblich sein wird. Die Arbeitslosigkeitskrise in Indien wird durch die steigende Zahl von Coronavirus-Infektionen in den Bundesstaaten weiter verschärft.

Nach Angaben der Shopping Centre Association of India (SCAI) sind die Geschäfte stark betroffen, die Einnahmen sind um 50% gesunken. Der Liquiditätsüberschuss im indischen Bankensektor hat sich in der ersten Woche des Geschäftsjahres 2022 (seit März 21) ebenfalls stark ausgeweitet.

“Inmitten von Kostenrationalisierung durch große Unternehmen hatte die erste Welle Auswirkungen auf die nachgelagerten Lieferanten/Anbieter wie KMU. Sie sind jetzt besonders anfällig für diese zweite Welle”, sagt Atanuu Agarrwal, Mitbegründer von Upside AI. “Die meisten von ihnen sind wahrscheinlich bereits am Rande des Abgrunds und werden einen weiteren anhaltenden Lockdown ohne gezielte Unterstützung durch die Regierung nicht überleben können. Wenn man sie scheitern lässt, wird dies eine kaskadenartige Auswirkung auf die Beschäftigungszahlen und die notleidenden Kredite haben.”

Darüber hinaus erwarten Ökonomen, dass Indiens Schuldenlast höher sein wird als die aktuelle Prognose des IWF. Der Fonds sagte, dass Indiens Verschuldung im Verhältnis zum BIP während der Pandemieperiode von 74% auf 90% auf Jahresbasis gestiegen ist. “In unserer Basisprognose unter der Annahme eines mittelfristig gesunden Wirtschaftswachstums sehen wir, dass die Verschuldung im Laufe der Zeit auf etwa 80% zurückgeht”, sagte Paolo Mauro, stellvertretender Direktor der IWF-Abteilung für fiskalische Angelegenheiten, kürzlich im April gegenüber Reportern.

Langfristige Aussichten für den indischen Markt nicht zu unterschätzen

Die zweite Welle des Coronavirus in Indien hat auch die Stimmung der Investoren gedämpft und zu massiven Verkäufen bei indischen Aktien auf breiter Front geführt, wobei Sensex und Nifty in diesem Monat um fast 4,5 bzw. 3,3 % gefallen sind. Ausländische Investoren zogen in diesem Monat bisher rund 1 Mrd. USD aus den indischen Märkten ab. Die indische Benchmark-Währung, die Rupie, fiel in diesem Monat um 2,4% gegenüber dem Dollar.

Indiens Pro-Kopf-BIP ist jedoch laut Weltbank 29-mal bzw. 4-mal niedriger als das der USA und Chinas, was Investoren ein immenses Aufholpotenzial bei den Erträgen über die nächsten Jahrzehnte bietet.

Nach Jahren der Flaute bei den indischen Unternehmensgewinnen könnten die Weichen für eine Erholung gestellt sein, sagte Anand Gupta, Portfoliomanager bei Eastspring Investments, und fügte hinzu, dass Indien aktiven Investoren erhebliche Stockpicking-Chancen und Raum für zusätzliches Alpha bietet.

Er bezeichnet Indien als einen der am stärksten diversifizierten Aktienmärkte in Asien und fügt hinzu: “Während kurzfristige Risiken wie eine weitere Welle von Covid-19, eine verpfuschte Einführung von Impfstoffen oder plötzlicher Inflationsdruck zu beobachten sind, deutet die Vielfalt des indischen Aktienmarktes darauf hin, dass es Chancen gibt, unabhängig von Bullen- oder Bärenmarkt.”

Auch Vincent Mortier, Group Deputy CIO von Amundi Research, sieht großes Potenzial im indischen Aktienmarkt: “Es gab mehrere Entwicklungen, die dazu beitragen könnten, die Wirtschaft neu zu gestalten und ihr langfristiges Potenzial zu erschließen. Der Aktienmarkt ist liquide und schnell wachsend. Er enthält eine der höchsten Anzahl von Aktien mit einer Marktkapitalisierung von über 500 Mio. USD und eine der höchsten Anzahl von Aktien, die sich in den letzten 10 Jahren verfünffacht haben.”

Mortier sieht außerdem Chancen im indischen Markt für festverzinsliche Wertpapiere. “Er ist im Vergleich zum Aktienmarkt unterentwickelt und wird von Staatspapieren dominiert. Die jüngsten Reformen zur Verbesserung der Liquidität und Tiefe sind von größter Bedeutung, um ihn für globale Investoren attraktiver zu machen.”