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Malaysia setzt auf staatliche Impulse

Singapur / Malaysia. BIP Entwicklung
Singapur Malaysia. BIP Entwicklung

Nicht weniger als historisch wurde der Regierungswechsel in Malaysia vor wenigen Wochen bezeichnet. Wohin steuert die aufstrebende asiatische Nation? Wie entwickelt sich das Verhältnis Singapur Malaysia? Wir sprachen mit Sriyan Pietersz von der US-Fondsgesellschaft Matthews Asia über die Perspektiven Malaysias.

Sriyan Pietersz zum Verhältnis Singapur/Malaysia
Asienexperte Sriyan Pietersz von Matthews Asia.

AsiaFundManagers.com: Die neue Regierung in Malaysia um Ministerpräsident Mahathir ist seit mehreren Wochen im Amt. Welche Veränderungen gab es bislang?

Sriyan Pietersz: Es zeichnet sich eine Verlagerung des Wachstumsschwerpunkts ab. Die Regierung setzt mehr Impulse im privaten anstelle des öffentlichen Sektors. Dazu zählen Transfers an private Haushalte, etwa durch Kraftstoffsubventionen oder Förderung einkommensschwächerer Gruppen. Zudem soll die Wirtschaft durch die Abschaffung der Mehrwertsteuer (Goods and Services Tax, GST) angekurbelt werden. Dies kann zu Lasten des fiskalischen Spielraums der Regierung gehen, da sich die Steuerbemessungsgrundlage verengt.

Die neue Regierung arbeitet zudem die politische Ökonomie der Vorgängerregierung auf. Verschiedene Chefs von staatseigenen Unternehmen mussten bereits gehen. Zudem werden zahlreiche Projekte und Geschäfte der alten Regierung untersucht. Gleichzeitig versucht die neue Regierung, die öffentliche Verschuldung zu reduzieren und die Zinslast zu senken. Das geschieht durch die Neuverhandlung bereits zugesagter Projekte wie der East Coast Rail Link (ECRL) Bahnverbindung.

AFM: Was bedeutet dies für ausländische Investitionen und den Staatshaushalt Malaysias?

Sriyan Pietersz: Eine bemerkenswerte Veränderung ist die Rückkehr zu Mahathirs früherer “Look East”-Politik. Malaysia könnte sich um engere Beziehungen zu Japan bemühen. Dies dürfte dazu beitragen, zinsgünstige japanische Kredite für das Land zu sichern, um die öffentlichen Zinsausgaben zu senken und den Schuldenmix wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Gleichzeitig könnte sich Malaysia von der Abhängigkeit von China lösen.

Anteil Chinas an den ausländischen Direktinvestitionen in Malaysia.
Anteil Chinas an den ausländischen Direktinvestitionen in Malaysia.

Nicht ändern soll sich die Verpflichtung zu einem Haushaltsdefizit von 2,8% des BIP. Dies wird ein schwieriger Balanceakt sein. Die Regierung will dies durch Ausgabenkürzungen von mindestens 10 Mrd. MYR erreichen. Gleichzeitig sollen höhere Transferzahlungen an die privaten Haushalte mit erhöhten Erträgen aus Öl- und Staatsunternehmen (GLC-Dividenden) erreicht werden.

AFM: Das Verhältnis zwischen Singapur und Malaysia gilt als schwierig. Das zeigen auch die jüngsten Diskussionen über die Wasserversorgung. In welche Richtung werden sich die Beziehungen zu Singapur unter der neuen Regierung von Premierminister Mahathir entwickeln?

Sriyan Pietersz: Man kann sagen, dass das historische Verhältnis zwischen Premierminister Mahathir und Singapur vorbelastet ist. Ausgehend von vergangenen Erfahrungen scheint es wahrscheinlich, dass sich dieser Trend fortsetzt. Die jüngsten Bemerkungen von Premierminister Mahathir zur Neubewertung des Wasserversorgungsabkommens mit Singapur und zur geplanten Streichung des Hochgeschwindigkeitsbahnprojekts von Kuala Lumpur nach Singapur können als Indiz dafür gewertet werden.

Singapur Malaysia. BIP Entwicklung
Singapur Malaysia. BIP Entwicklung. Quelle: IMF

Ich möchte aber betonen, dass die Wasserversorgung Singapurs trotz zeitweiliger Androhung nie unterbrochen wurde. Eine mögliche Erklärung der jüngsten Rhetorik ist, dass sich Malaysia eine Verhandlungsposition aufbauen will, bevor weitere Verhandlungen mit Singapur über eine breite Palette von Themen aufgenommen werden.

Singapur Malaysia: Einwohnerzahlen
Singapur Malaysia: Prognose der Einwohnerzahlen. Quelle: IMF

AFM: Singapur stand beim Kim-/Trump-Gipfel im Mittelpunkt. War das ein Marketing-Coup oder zeigt das die besondere Bedeutung des Stadtstaates?

Sriyan Pietersz: Der Gipfel hat eindeutig dazu beigetragen, Singapurs diplomatisches Ansehen auf der Weltbühne zu verbessern. Singapur ist jedoch auch einer der engsten Verbündeten der Vereinigten Staaten in Asien und genießt eine besondere Beziehung zu den USA. Daher war der Stadtstaat ein wahrscheinlicher Kandidat für die Ausrichtung des Gipfels. Darüber hinaus hat Singapur den Vorsitz der ASEAN im Jahr 2018 inne und fungierte damit auch als Vertreter des Blocks als neutraler Ort für den Gipfel.

AFM: Der ASEAN-Staatenbund gilt als wenig entscheidungsfreudig aufgrund seiner unterschiedlichen Ansichten und Interessen.

Sriyan Pietersz: Im Gegensatz zur EU ist ASEAN ein loses Bündnis, das die Vielfalt der Ethnien, Religionen, Sprachen und Kulturen betont. Die Wahrung der individuellen Souveränität steht im Mittelpunkt. Diese Betonung der individuellen Souveränität ist der Grund dafür, dass es oft Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedstaaten gibt und dass das Selbstverständnis der ASEAN auf Konsensentscheidungen beruht.

Das Ziel der ASEAN-Staaten, die Zusammenarbeit zu fördern und aufrechtzuerhalten, hat sich im Laufe ihrer Geschichte bewährt. Ihr Auftrag hat jedoch trotz wirtschaftlicher, politischer und sozialer Vielfalt Bestand. Im Rahmen seines Konzepts hat der Block Stabilität bewahrt und bedeutende Fortschritte bei Handel und Investitionen erzielt. ASEAN spielte etwa eine führende Rolle bei der Stabilisierung der regionalen Spannungen während des Konflikts zwischen Vietnam und Kambodscha und setzte sich für den Abzug der vietnamesischen Streitkräfte aus Kambodscha ein.

AFM: Kann der ASEAN-Verbund ein wirtschaftliches Gegengewicht zur aufstrebenden Supermacht China bilden?

Sriyan Pietersz: Die Region umfasst insgesamt 630 Millionen Menschen, verglichen mit den 1,3 Milliarden in China. Es ist daher schwierig, diese Region als wirtschaftliches Gegengewicht zu betrachten. Vielmehr wollen die ASEAN-Staaten ihre geografische Nähe zu China nutzen, um Chancen zu schaffen, die sich aus der dynamischen demografischen Entwicklung, dem wachsenden Arbeitskräfteangebot, der steigenden Produktivität und der Urbanisierung ergeben.

AFM: Wie attraktiv sind Singapur und Malaysia aus Investorensicht?

Sriyan Pietersz: Beide Länder bieten attraktive Möglichkeiten, das Wachstum Asiens zu nutzen. Als sehr offene, aber relativ kleine Volkswirtschaften schneiden Singapur und Malaysia bei einer wachsenden globalen Nachfrage wie im aktuellen Umfeld tendenziell gut ab. Singapurs Status als regionales Finanzzentrum und seine hohe Vernetzung ermöglichen es dem Land, vom Wachstum seiner weniger entwickelten und bevölkerungsreicheren Nachbarn zu profitieren. Auch Malaysia als bedeutender Rohstoffexporteur (Palmöl und Rohöl) profitiert von zyklischen Aufschwungphasen, die die Energienachfrage antreiben. Aus struktureller Sicht ist Malaysia aufgrund seines demografischen Profils und seines hohen Bildungsniveaus für ein nachhaltiges Wachstum im nächsten Jahrzehnt gerüstet.