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Taiwan Wirtschaft: Der Tigerstaat schwächelt

Taiwan Wirtschaft, Wachstum
Taiwan Wirtschaft, Wachstum

Taiwan ist einer der asiatischen Tigerstaaten. Doch zurzeit wächst die Wirtschaft nur moderat. Mit Reformen und neuen Partnern will die westlich orientierte Präsidentin Tsai Ing-wen neuen Schwung bringen.

Lange Zeit kannte die Wirtschaft Taiwans nur ein Ziel: nach oben. Die rasante Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging als „Taiwan-Wunder“ in die Geschichte ein. Zunächst prägten landwirtschaftliche Güter und Billigprodukte die Produktion. Später entwickelte sich Taiwan zu einer hochentwickelten Marktwirtschaft, deren Hightech-Güter weltweit omnipräsent sind.

Neben Südkorea, Hongkong und Singapur zählt die Republik China, wie Taiwan offiziell heißt, zu den Tigerstaaten Ostasiens. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 579 Milliarden US-Dollar lag Taiwan 2017 auf Rang 22 der wirtschaftsstärksten Nationen – hinter Argentinien, der Schweiz, Saudi-Arabien und Indonesien.

Taiwan Haupstadt Taipei
Taiwan Haupstadt Taipei

Im Global Competitiveness Report belegt Taiwan seit Jahren einen der vordersten Ränge. Die Arbeitslosenrate betrug im Januar 2018 3,63 Prozent – der niedrigste Wert seit Langem. Im April schloss der Taiwan Stock Exchange Corporation (TSEC) den zwölften Monat in Folge mit über 10.000 Punkten. Doch die Wirtschaft Taiwans hat an Schwung verloren. Im Jahr 2017 wuchs sie zwar mit 2,86 Prozent stärker als in den zwei Jahren zuvor. Schätzungen zufolge wird die Wirtschaft in Taiwan aber vermutlich 2018 dieses Niveau nicht ganz halten können.

Taiwan Wirtschaft: Staatspräsidentin in der Kritik

Präsidentin Tsai Ing-wen steht nach zwei Jahren Amtszeit zunehmend in der Kritik: Die Löhne sind seit den Neunzigerjahren kaum gestiegen, die Lebenshaltungskosten gelten als hoch. Gleichzeitig führen Einschnitte wie die Rentenkürzungen im Staatsdienst und das Streichen von Feiertagen zu regelmäßigen Demonstrationen. Der Regierung zufolge könnten ohne Reformen einige Pensionsfonds bereits 2020 insolvent werden.

Dazu kommen politische und wirtschaftliche Konfliktlinien mit der Volksrepublik China. Die pro-amerikanische Tsai Ing-wen bremste das Tempo der Verständigungspolitik ihres Vorgängers und ließ erstmals seit 2011 wieder Waffenlieferungen aus den USA zu. Die Volksrepublik sieht Taiwan als abtrünnige Provinz. Gemäß dem Prinzip „Ein China“ erlaubt es die Führung in Peking keinem Land, zugleich diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik und Taiwan zu unterhalten.

Peking gelingt es zunehmend, Taiwan international zu isolieren: Nur noch 18 Staaten, vor allem kleinere und ärmere Länder in Lateinamerika und im pazifischen Raum, und der Vatikan erkennen das Land offiziell an. Zuletzt verlor Taiwan Panama und die Dominikanische Republik als Verbündete. Taiwan hat bisher nur wenige Freihandelsabkommen verhandeln können – die meisten davon mit Staaten, die es offiziell anerkennen.

Der wichtigste Wettbewerber Südkorea hingegen hat in den vergangenen Jahren Abkommen mit China, den ASEAN-Staaten, den USA und der EU erreicht. Auch die Angst vor einer militärischen Zuspitzung hält weiter an: Die Volksrepublik hält mittlerweile jährlich Manöver vor der Küste Taiwans ab. Andererseits ist die wirtschaftliche Verflechtung beider Länder hoch.

Taiwan wirtschaftliche Entwicklung
Taiwan wirtschaftliche Entwicklung

Wirtschaft in Taiwan stark bei Exporten

In Ermangelung natürlicher Ressourcen ist Taiwan in hohem Maße vom Außenhandel abhängig. 40 Prozent der taiwanesischen Exporte gehen an die Volksrepublik und Hongkong. Viele taiwanesische Unternehmen unterhalten Fabriken auf dem Festland. Prominentes Beispiel ist Foxconn. Der Auftragshersteller fertigt unter anderem für Apple, Intel und Sony und ist einer der größten Hersteller von Elektronik weltweit. Weltweit stammen zwischen 50 und 90 Prozent aller Notebooks, Flachbildschirme und ähnlicher Güter aus der Produktion taiwanesischer Unternehmen. Viele von ihnen sind Original Equipment Manufacturer (OEM), das heißt, sie stellen Produkte her, die sie aber nicht selbst in den Einzelhandel bringen.

Taiwan Einwohnerzahl
Taiwan Einwohnerzahl

Weitere bekannte Player auf diesem Markt sind Acer, Asus, BenQ oder HTC. In der Volksrepublik fertigende Unternehmen stoßen

Taiwan Wirtschaft, GDP
Taiwan Wirtschaft, GDP

zurzeit jedoch auf mehrere Probleme: Steigende Löhne auf dem Festland machen für sie den Standort zunehmend unattraktiver. Darüber hinaus wurden viele taiwanesische Unternehmen von den verschärften Umweltauflagen im vergangenen Jahr schwer getroffen.

Nach Schätzungen haben taiwanesische Unternehmen zwischen 80 und 280 Milliarden US-Dollar auf dem Festland investiert. Allerdings fiel das jährliche Investment taiwanesischer Unternehmen auf dem Festland seit 2011 um rund 30 Prozent. Zugleich machen chinesische Unternehmen aus dem Hochtechnologie-Sektor den etablierten Marktteilnehmern aus Taiwan Konkurrenz.

China ist die neue Hightech-Konkurrenz

Diente die Volksrepublik in den Neunzigerjahren noch als verlängerte Werkbank des Technologielieferanten Taiwans, begegnet man sich jetzt zunehmend auf Augenhöhe. Die Volksrepublik arbeitet mit Hochdruck daran, mit seiner „Made in China 2025“-Strategie die Qualität ihrer Produkte weiter zu verbessern. Hoch qualifizierte Arbeitskräfte gehen lieber nach Shanghai, wo wesentlich höhere Gehälter winken als etwa in Taipeh.

Um die starke Abhängigkeit vom Festland zu mildern, arbeitet die Tsai-Regierung am Aufbau engerer Beziehungen mit Ländern in Südasien und Südostasien. Gleichzeitig fördert sie in Zukunftsbranchen wie Biomedizinische Technik und Erneuerbare Energien. Bis 2025 soll Taiwan aus der Kernkraft aussteigen.

Taiwan scheint an einem Scheideweg zu stehen. Die Staatspräsidentin Tsai Ing-wen will sich vom Festland emanzipieren, indem sie sich neue Handelspartner und Produktionsstandorte sucht. Dabei will sie aber verhindern, dass sich die Beziehungen zu Peking weiter verschlechtern. Ein Faktor dürfte sein, ob sie durch die Verlagerung von Produktionsstätten in andere Länder der Region wie etwa Vietnam konkurrenzfähig bleiben können.

Im Jahr 2013 unterzeichnete Taiwan Handelsabkommen mit Neuseeland und Singapur – Staaten, die Taiwan offiziell nicht anerkennen. Weitere Abkommen dieser Art sowie der Beitritt zu Freihandelsblöcken wie der Trans-Pacific-Partnership (TPP) strebt Taiwan ebenfalls an. Rückhalt gibt der Wirtschaft in Taiwan eine gute Infrastruktur, hochqualifizierte Fachkräfte sowie ein weiterhin recht stabiles innenpolitisches Umfeld. Auch auf die USA als Partner und militärische Schutzmacht kann Taipeh weiter zählen. Eine Zwischenbilanz der Regierung wird im November gezogen: Dann finden Lokalwahlen statt.