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Indien – auf dem Weg zum neuen globalen Produktionszentrum?

Indien entwickelt sich zu einem der begehrtesten Produktionsstandorte weltweit, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie ergab. Nach Angaben des Immobilienberaters Cushman & Wakefield ist die zunehmende Beliebtheit Indiens auf seine Wettbewerbsfähigkeit bei den Kosten und die günstigen Betriebsbedingungen zurückzuführen.

Laut dem Global Manufacturing Risk Index 2021 des Unternehmens hat Indien nun die USA überholt und ist das zweitattraktivste Zielland für die verarbeitende Industrie. In dem Index, der 47 Länder in Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika sowie im asiatisch-pazifischen Raum vergleicht, liegt Indien nun hinter China und vor den USA, Kanada und der Tschechischen Republik. Im Index 2020 rangierte Indien noch an dritter Stelle hinter China und den USA.

Die in den Index aufgenommenen Volkswirtschaften werden anhand von vier Schlüsselparametern eingestuft:Geschäftsumfelds, Betriebskosten, politische, wirtschaftliche und ökologische Risiken sowie die Fähigkeit zur Wiederaufnahme der Produktion. Das wirtschaftliche Umfeld umfasst die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und den Marktzugang.

Das Beratungsunternehmen wies jedoch darauf hin, dass Indien trotz seines Platzes unter den ersten drei in der Rangliste, bei den Basis- und Kostenszenarien noch viel zu verbessern habe. Insbesondere im Bereich des geopolitischen Risikomanagements und der Fähigkeit zur Wiederaufnahme der Produktion, wie die erneute Welle von Covid-19-Fällen gezeigt hat.

Ausländische Direktinvestitionen nehmen zu

Indien verzeichnet bereits steigende Investitionen von Unternehmen aus Industrieländern, darunter die USA, das Vereinigte Königreich, Japan und Singapur. Eine im September von der Beratungsfirma Deloitte Touche Tohmatsu India durchgeführte Umfrage ergab, dass 44% der 1.200 in diesen Ländern ansässigen Führungskräfte aus der globalen Wirtschaft planen, erstmals oder zusätzlich in Indien zu investieren. Trotz der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie konnte Indien ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 81,72 Mrd. USD verzeichnen, was einem Zuwachs von 10% gegenüber dem vorangegangenen Steuerjahr entspricht.

Darüber hinaus stellte der Deloitte-Bericht fest, dass fast zwei Drittel der Erstinvestoren in Indien planen, ihre Investitionen in den nächsten zwei Jahren zu tätigen. Während Indien beim Wirtschaftswachstum und bei den qualifizierten Arbeitskräften besser abschnitt, bewerteten die Befragten das Land bei der institutionellen Stabilität, die sich auf die Effizienz der Rechtsmittel und -mechanismen sowie die Klarheit von Vorschriften bezieht, schlechter.

Die Umfrage ergab auch, dass Investoren Indien im Vergleich zu China und Vietnam als ein schwierigeres Geschäftsumfeld wahrnahmen. Dies war bevor sie von bestehenden Regierungsprogrammen und Reformen erfuhren. Danach äußerten rund 75% eine höhere Bereitschaft, in die indische Wirtschaft zu investieren.

In dem Bericht werden sieben kapitalintensive Sektoren genannt, auf die Indien abzielen kann, um mehr ausländische Direktinvestitionen anzuziehen: elektronische Waren, Lebensmittelverarbeitung, Textilien und Bekleidung, Fahrzeuge und Teile, Investitionsgüter, Arzneimittel sowie Chemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe.

Nach Angaben von JM Financial ist das verarbeitende Gewerbe jedoch weniger abhängig von Marktmitteln für Festanlagen. Dem Bericht zufolge erleben die Sektoren Auto, Einzelhandel und Bildung in Indien die größten FDI-Zuflüsse, was auf einen gesunden Appetit auf die Konsumthemen des Landes hinweist.

„Die ausländischen Direktinvestitionen in das verarbeitende Gewerbe stagnierten in den letzten vier Jahren bei 20 Mrd. USD/Jahr, was darauf hindeutet, dass Initiativen wie ‚Make in India‘ und die Gewinne aus der strukturellen Deindustrialisierung in China seit 2012 nur in ausgewählten Branchen wie der Chemieindustrie substanziell waren“, heißt es in dem Bericht vom September weiter.

Indische Regierung unterstützt Industrie

Als Anwort auf die Schwierigkeiten ausgelöst durch die Coronavirus-Pandemie, hat die indische Regierung finanzielle Anreize in zehn Sektoren eingeführt, um das verarbeitende Gewerbe anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und den Export zu steigern. Dazu gehört ein im März 2021 eingeführtes Programm für Unternehmen, die Hardware für die Informationstechnologie (IT) herstellen sowie im April 2020 eingeführte Anreize für die Herstellung von elektronischen Bauteilen und Halbleitern.

Zudem wollen immer mehr multinationale Unternehmen ihre Lieferketten über China hinaus ausweiten und sehen Indien als alternativen oder ergänzenden Standort für ihre Produktionstätigkeiten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Indiens große Bevölkerung, die sich aus jüngeren Arbeitskräften mit niedrigeren Löhnen und der Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, zusammensetzt.

Himank Joshi, Analyst bei Forrester Research, erklärte gegenüber Computer Weekly, dass die Programme für die indische Elektronikindustrie vielversprechend sein könnten, insbesondere wenn Unternehmen versuchen, die Risiken ihrer Lieferketten zu verringern. Die von der indischen Regierung gesetzten Ziele seien zwar ehrgeizig, aber machbar, so Joshi.

Die indische Fertigungsindustrie steht jedoch noch vor einigen Herausforderungen. Nityesh Bhatt, Professor und Vorsitzender am Institute of Management der Nirma University, fordert ein Innovationsökosystem für das Land. Seiner Meinung nach sollte ein solches Ökosystem aus Land- und Arbeitsreformen, Zugang zu Finanzmitteln, Initiativen zum Aufbau von Qualifikationen und einer kontinuierlichen Entwicklung der Infrastruktur bestehen, die für dieses Ökosystem entscheidend sind.