Start News Wie lang kann Indiens Wirtschaft den Coronavirus-Lockdown durchhalten?

Wie lang kann Indiens Wirtschaft den Coronavirus-Lockdown durchhalten?

Ladenbesitzer in Beawar, Rajasthan, Indien. (Quelle: Sumit Saraswat/Shutterstock.com)

Wenn die Statistiken korrekt sind, ist Indien bei der Bewältigung der Coronavirus-Krise relativ gut aufgestellt. Und das, obwohl das Land viel später reagierte als die meisten anderen asiatischen Länder, insbesondere diejenigen, die wie Indien an China grenzen. Premierminister Narendra Modi ordnete erst am 25. März den Lockdown an. Und bisher hat das Land mit 1,3 Milliarden Menschen nur 718 Todesfälle zu verzeichnen.

Jüngste Wirtschaftsprognosen deuten auch darauf hin, dass sich Indiens Wirtschaft besser erholen könnte als einige der großen asiatischen Volkswirtschaften. Allerdings kommen selbst die optimistischsten Schätzungen zu dem Schluss, dass Indiens Wachstum in diesem Jahr das langsamste seit Jahrzehnten sein wird. Der IWF prognostizierte Indien kürzlich ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent für dieses Fiskaljahr, während Goldman Sachs von einem Wachstum von 1,6 Prozent ausgeht. Nach Angaben der Weltbank soll die indische Wirtschaft zwischen 1,5 Prozent und 2,8 Prozent wachsen.

Indien Coronavirus: Statistische Genauigkeit der Zahlen in Frage gestellt

Es kommen jedoch Fragen bezüglich der Genauigkeit der indischen Zahlen auf. Channel News Asia stellte kürzlich fest, dass es in mehreren Städten überraschende Rückgänge in der allgemeinen Todesfallstatistik, nicht nur für Covid-19, gegeben hat.

In Zentralbombay sanken die Todesfälle im März um 21 Prozent im Vergleich zum selben Monat des Jahres 2019. In Ahmedabad, der größten Stadt in Gujarat, der Heimatstaat von Premierminister Modi, sank die Gesamtzahl der Todesfälle im gleichen Zeitraum um 67 Prozent.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es bisher mehr als 35.000 bekannte COVID-19-Fälle, was im Vergleich zu anderen Ländern bemerkenswert niedrig ist. Immerhin hat Indien mehr als 1,3 Milliarden Einwohner.

Anlaufschwierigkeiten auf dem Weg zur Normalität

Die landesweiten Lockdowns galten zunächst bis zum 3. Mai, sind jetzt um weitere zwei Wochen verlängert worden. Bestimmten Industriezweigen wurde bereits eine Wiederaufnahme des Betriebs gestattet. Diese sind vor allem in der Landwirtschaft, in der verarbeitenden Industrie und im Baugewerbe angesiedelt, den Lebensadern der ärmsten Arbeitnehmer Indiens, und auch die Hauptkontributoren zum BIP.

Wie in anderen Ländern gehen Experten davon aus, dass eine Ansteckung bei Arbeitern, die im Freien arbeiten, wie im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft, weniger wahrscheinlich ist. Die verarbeitende Industrie kann so mit einem begrenzten Infektionsrisiko wieder anlaufen, wenn Maßnahmen zur sozialen Distanzierung getroffen werden.

Aufgrund der Lockdowns gibt es allerdings Schwierigkeiten beim Überqueren von Provinzgrenzen. Viele Transportwege sind geschlossen und viele Arbeitnehmer konnten bisher nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren – selbst in Unternehmen, die teilweise wieder geöffnet haben. Kleinere Unternehmen geben an, dass sie über die Wiedereröffnung besorgt sind, da viele nicht über die Mittel verfügen, um komplexe soziale Distanzierungsmaßnahmen zu ergreifen. Andere fürchten finanzielle oder rechtliche Konsequenzen, sollten sich ihre Beschäftigten nach ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz mit dem Virus infizieren.

Coronavirus: Weltweite Probleme

Das Hauptproblem ist jedoch der Einbruch der Weltwirtschaft. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für dieses Jahr einen Rückgang von 3 Prozent. Viele Hersteller zögern mit einer Wiedereröffnung ihrer Betriebe, wo noch Aufträge aus dem In- und Ausland fehlen, da die internationalen Lieferketten weiterhin stocken.

Für Delhi stellt sich die große Frage, ob es eine landesweite Wiedereröffnung der Wirtschaft erzwingen soll, auf die Gefahr hin, dass dies eine noch schlimmere zweite oder dritte Welle von Coronavirus-Fällen auslöst. Dies ist aktuell in anderen asiatischen Staaten wie Singapur und Hongkong der Fall, obwohl diese die erste Welle bewältigt hatten.

Im März stellte das indische Finanzministerium 23 Mrd. USD für Hilfsmaßnahmen zur Verfügung, wie z.B. kostenlose Krankenversicherung, Geldtransfers an Haushalte und einige Sozialversicherungsmaßnahmen für betroffene Arbeitnehmer.

Experten haben jedoch Bedenken geäußert, ob das notwendige Geld überhaupt zu den Millionen von informellen Arbeitern und Obdachlosen in Indien durchkommt, die nicht in den Datenbanken der Regierung erfasst sind. Steuer-, Zoll- und andere staatliche Regelungen für Unternehmen wurden ebenfalls geändert, um so viele Unternehmen in dieser Krise zahlungsfähig zu halten. Das Finanzministerium sagte Mitte April, dass in den kommenden Monaten weitere staatliche Steuererleichterungen zur Verfügung gestellt werden.