Start Investieren Japan Aktienmarkt damals und heute: Ähnlich, aber nicht gleich

Japan Aktienmarkt damals und heute: Ähnlich, aber nicht gleich

Der japanische Aktienmarkt wird von Anlegern meist vernachlässigt. Dabei gibt es mehrere Gründe, warum Japans Aktienmarkt attraktiv ist. Wir sprachen mit Ernst Glanzmann, Investment Manager bei GAM Investments.

AsiaFundManagers.com: Warum hat sich die japanische Wirtschaft nie vom extremen Rückschlag Ende der 1980er Jahre erholt?

Ernst Glanzmann: Bezüglich Japans wirtschaftlicher Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat sich in der breiten Öffentlichkeit leider ein etwas verzerrtes Bild festgesetzt. Die rasante Entwicklung der Boomjahre konnte nach 1989 zwar nicht in dem Maße fortgesetzt werden, aber faktisch wurde das reale Wirtschaftswachstum Japans nur während der globalen Finanzkrise 2007/2008 klar unterbrochen. Bereits Anfang 2009 hat sich das Bruttonationaleinkommen wieder erholt und zurück zur positiven Entwicklung gefunden.

Seither ist die japanische Volkswirtschaft jährlich um 1,6% gewachsen – ein beachtlicher Wert für eine solch hochentwickelte Nation. In dem Zeitraum haben sich die einheimischen Unternehmen stark entwickelt. Die Gewinne der an der japanischen Börse notierten Firmen sind über die letzten zehn Jahre im Schnitt um etwa 13% gestiegen, was deutlich über dem durchschnittlichen Wert für Firmen in der restlichen Welt liegt (+4%).

AsiaFundManagers.com: Der japanische Aktienmarkt hat sich seit dem Antritt von Ministerpräsident Abe erholt. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Ernst Glanzmann: Shinzo Abes Wirtschaftspolitik (Abenomics) wird oft und gerne auf die extrem lockere Geldpolitik reduziert. Allerdings beinhaltet Abenomics auch umfangreiche Reformprogramme, z.B. im Arbeitsmarkt und bei Visabestimmungen, die allesamt das Ziel verfolgen, Japans Wirtschaft weiter zu öffnen und global kompetitiver aufzustellen. Dazu kommen wichtige Initiativen vonseiten der Unternehmer, um Ihre Firmen auf Expansion im Ausland zu trimmen. Dieser generelle Trend hält nun seit über fünf Jahren an und es dürfte sich wohl aufgrund der tiefgreifenden Reformen und Restrukturierungen um eine längerfristige Entwicklung handeln.

AsiaFundManagers.com: Japanische Staatsanleihen rentieren seit Jahren bei null. Warum sollte das für westliche Investoren interessant sein?

Ernst Glanzmann: Bei Anlagen in Anleihen gilt es grundsätzlich zwei entscheidende Faktoren zu berücksichtigen: die bis zum Verfall zu erwartende Rendite (inkl. Kupon) sowie die potentiellen, vorübergehenden Kapitalgewinne. Auch in einem unattraktiven Renditeumfeld, wie wir es seit längerem in Japan erleben, können Investoren Kapitalgewinne erzielen, indem sie auf fallende Zinsen spekulieren, die noch tiefer ins Negative rutschen. Dies kann vor allem für kurzfristig orientierte Anleger durchaus attraktiv sein. Natürlich ist dies keine Option für unsere Strategie, die ausschließlich auf Aktien setzt und sehr langfristig ausgelegt ist.

AsiaFundManagers.com: Warum halten japanische Investoren so irrational an japanischen Anleihen fest?

Ernst Glanzmann: Ich würde dies nicht unbedingt als irrational bezeichnen. In diesem Kontext ist es wichtig festzuhalten, dass die Mehrheit der inländischen Investoren, die japanische Staatsanleihen halten, institutioneller Natur sind, d.h. Pensionskassen, Versicherungen, Banken und seit der Finanzkrise vor allem die japanische Zentralbank, die aktuell über 40% der Staatsanleihen besitzt. Das Halten der eigenen Staatsanleihen durch die Bank of Japan bildet einen wichtigen Teil der Stimulierungsmassnahmen von Abenomics. Für die anderen institutionellen Anleger entsprechen ihre Allokationen in japanische Staatsanleihen wohl dem Risiko-/Renditeprofil der jeweiligen Portfolios, sonst würden sie diese nicht halten.

AsiaFundManagers.com: Was spricht für den japanischen Aktienmarkt?

Ernst Glanzmann: Japanische Aktien sind strukturell sehr attraktiv bewertet; das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) über die letzten 12 Monate liegt für den Gesamtmarkt bei etwa 13x. Dies ist deutlich tiefer als das durchschnittliche KGV für die Aktienmärkte im Rest der Welt (18x). Die KGV-Daten für japanische Titel liegen uns seit 1973 vor. Historisch betrachtet, befinden sich die Bewertungen aktuell auf einem Tiefststand. Wir erwarten, dass sich das durchschnittliche Gewinnwachstum der lokalen Firmen in absehbarer Zukunft mindestens im Gleichschritt mit dem Rest der Welt zulegen wird.

Wie bereits erwähnt, befinden sich viele Japanische Unternehmen in einer Expansionsphase und sind mittlerweile weltweit aktiv. Zudem profitieren sie von laufenden Verbesserungen bei den Arbeitsprozessen dank neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz und der Einführung des 5G-Standards im Mobilfunknetz – beides Bereiche, in denen Japan führend ist.

AsiaFundManagers.com: Welche Branchen sollten Anleger im Blick behalten?

Ernst Glanzmann: Japan nimmt unverändert eine Spitzenposition bei Innovationen in der Robotertechnologie ein. Es wird sogar vermutet, dass die Entwicklung von Robotern dabei helfen könnte, die schwierige demografische Situation der Nation zu bewältigen. Die Abhängigkeit des Landes von Technologieexporten hat jedoch in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich abgenommen. In Zeiten einer hitzigen Debatte über die außerordentliche Kursinflation bei den sogenannten FAANG-Aktien in den USA weist der japanische Aktienmarkt im Vergleich zu globalen Benchmarks eine signifikante «Untergewichtung» von Technologieunternehmen und Banken auf.

Aktuell weist der japanische Aktienmarkt eine erheblich ausgewogenere Ausrichtung auf Sektoren mit Bezug zur Fertigung und zu Konsum auf, zum Beispiel auf die Bereiche Industriegüter und -dienstleistungen, Automobile, Körperpflege- und Haushaltsprodukte sowie Telekommunikation. Obwohl wir unverändert sehr von unseren ausgewählten Technologie-Positionen überzeugt sind, kann die Tatsache, dass der breite Markt zunehmend weniger von Technologie- und Dienstleistungssektoren abhängt (die von globalen Regulierungsmaßnahmen betroffen sein können), nur als positiv eingestuft werden.

AsiaFundManagers.com: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Ernst Glanzmann über den japanischen Aktienmarkt
Ernst Glanzmann, Investment Manager
Ernst Glanzmann
Investment Manager
GAM Investments

Ernst Glanzmann ist Lead Manager des GAM Japan Equity und des GAM Star Japan Equity fonds. Bevor er im November 2000 zu GAM Group kam, war er im Private Banking von Julius Bär als Finanzanalyst für japanische Aktien zuständig. Zuvor war er Analyst für japanische Aktien bei Clariden Leu, die heute zu Credit Suisse gehört. Er arbeitete zudem im Backoffice der Zürcher Kantonalbank. Ernst Glanzmann schloss eine dreijährige Banklehre bei der Bernerland Bank AG ab. Er hält einen eidgenössischen Fachausweis in Banking der Handelsschule Huttwil.