Start Asien Wirtschaft „Vietnam ist der Hauptprofiteur des Handelskonflikts“

„Vietnam ist der Hauptprofiteur des Handelskonflikts“

Vietnam profitiert als Produktionsstandort vom Handelskonflikt zwischen den USA und China.
Salzproduktion in Vietnam

Mit dem anhaltenden Handelsstreit zwischen den USA und China denken immer mehr Unternehmen über Alternativen für ihre Produktions- und Lieferketten nach. Südostasiatische Länder sind eine attraktive Alternative und Vietnam ist einer der Hauptbegünstigten, sagt Thomas Hugger, CEO und Gründer von Asia Frontier Capital Ltd.

AsiaFundManagers.com: Wie wirkt sich der Handelsstreit zwischen den USA und China auf Vietnam aus?

Thomas Hugger: Der Handelskrieg hatte bisher positive wirtschaftliche Auswirkungen auf Vietnam. Vor Beginn des Konflikts gab es bereits einen Trend, dass Fertigungsjobs aufgrund niedrigerer Löhne von teureren Standorten wie China nach Vietnam verlagert wurden. Darüber hinaus gehörten südkoreanische Unternehmen wie Samsung und LG zu den ersten, die ihre Produktion nach Vietnam verlagerten. Heute produziert Samsung die meisten seiner Mobiltelefone in Vietnam. Im vergangenen Jahr – da sich der Handelsstreit zwischen den USA und China beschleunigt hat – gab es einen noch größeren Drang von Unternehmen, sich von China in kostengünstigere Standorte wie Vietnam zu verlagern. Im Jahr 2018 stiegen die gesamten ausländischen Direktinvestitionen (FDI) in Vietnam um 9% auf 19 Mrd. USD und in diesem Jahr stiegen die FDI bisher um 7,5% auf 7,3 Mrd. USD. Darüber hinaus waren die FDI-Zusagen Chinas für neue Projekte in diesem Jahr bisher die höchsten aller Länder mit 1,56 Milliarden USD.

„Textilunternehmen verlagern Produktionskapazitäten von China nach Vietnam“

Thomas Hugger: Dieses Wachstum der FDI vor allem in das verarbeitende Gewerbe deutet darauf hin, dass Unternehmen Kapazitäten vor allem für den Export schaffen wollen. Vietnam ist bereits seit Jahresanfang 2019 eines der wenigen Länder, deren Exporte steigen – nämlich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,7%. Die meisten anderen asiatischen Länder mussten bisher um ein Wachstum kämpfen.

Darüber hinaus sind die Exporte in die USA in diesem Jahr um 28% gestiegen. Sowohl die gestiegenen FDI als auch die höheren Exporte in die USA spiegeln wider, dass Vietnam vom Handelskonflikt profitiert. Darüber hinaus wissen wir, dass die meisten in Hongkong ansässigen Textilunternehmen in den letzten fünf Jahren einen großen Teil ihrer Produktionskapazitäten von China an kostengünstigere Standorte wie Vietnam verlagert haben. Die Industrieparkunternehmen, die wir in Vietnam treffen, teilten uns mit, dass sie zunehmend Anfragen von Unternehmen aus China sehen, die ihre Produktion nach Vietnam verlagern wollen.

AsiaFundManagers.com: Wie reagiert der vietnamesische Aktienmarkt auf den Konflikt?

Thomas Hugger: Der Ho Chi Minh VN Index hat in diesem Jahr bisher eine positive Performance von +5,2% gezeigt. Die Aktien von Industrieparks haben sich in jüngster Zeit gut entwickelt.

AsiaFundManagers.com: Welche Branchen profitieren am meisten?

Thomas Hugger: Da sich Vietnam weiterhin zu einem Produktionszentrum entwickelt und der Handel eine wichtige Rolle spielt, glauben wir, dass Unternehmen, die mit Handel und industrieller Entwicklung verbunden sind, gut abschneiden werden. Wir glauben, dass Entwickler von Industrieparks und Logistikunternehmen in den nächsten Jahren verstärktes Wachstum erzielen, da Vietnam höhere FDI und Handelsvolumen verzeichnet. Darüber hinaus denken wir, dass Konsumgüterunternehmen wie Automobile und moderner Einzelhandel profitieren werden, weil im verarbeitenden Gewerbe mehr Arbeitsplätzen geschaffen werden und damit das verfügbare Einkommen steigt.

„Vietnam wird in den nächsten fünf Jahren eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften sein.“

AsiaFundManagers.com: Was sind die Gründe für Investitionen in Vietnam?

Thomas Hugger: Vietnam wandelt sich nicht nur wegen der niedrigeren Löhne und des Handelskonflikts, sondern auch wegen der politischen Stabilität und der großen Zahl junger Arbeitskräfte zu einem Produktionszentrum. Geografisch gesehen passt es gut in die Fertigungslieferketten Nordasiens und Südostasiens, was dem verarbeitenden Gewerbe zugute kommen wird. Eine Kombination dieser Faktoren dürfte Vietnam in den nächsten fünf Jahren mit einer durchschnittlichen BIP-Wachstumsrate von 6,5% zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit machen. Dieses nachhaltige Wachstum und das steigende Einkommensniveau werden, wie bereits erwähnt, zu branchenübergreifenden Investmentchancen in den Bereichen Logistik, Industrieparks und Konsumgüter führen.

Darüber hinaus wandelt sich Vietnam zu einem attraktiven Reiseziel und hat die Zahl der internationalen Besucher in den letzten fünf Jahren auf 15,5 Millionen verdoppelt. Mit dem Wachstum der Low-Cost-Carrier in der Region glauben wir, dass Vietnam weiterhin eine größere Anzahl von Touristen anziehen wird. Eine der besseren Möglichkeiten, sich diesem Trend zu stellen, besteht darin, Aktien von Flughafenbetreibern zu kaufen – so wie wir. Neben der Wachstumsgeschichte Vietnams sind auch die Bewertungen für den Markt im Vergleich zu anderen attraktiv. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt mit 16,3 unter dem anderer regionaler Märkte wie Thailand, den Philippinen, Indonesien und Indien. Gleichzeitig werden die Erträge in den nächsten drei bis fünf Jahren voraussichtlich um 11-12% steigen.

AsiaFundManagers.com: Es gibt Anzeichen dafür, dass der Druck des schnellen Wachstums in Vietnam seinen Tribut fordert, z.B. steigende Arbeitskosten. Wie kann Vietnam diesen Herausforderungen begegnen?

Thomas Hugger: Die Arbeitskosten in Vietnam steigen im Einklang mit der Inflation. Obwohl befürchtet wird, dass die Arbeitskosten weiter steigen könnten, sind die Löhne in Vietnam immer noch deutlich niedriger als in China. So ist beispielsweise der Mindestlohn von 171 USD in den Großstädten wie Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt fast die Hälfte dessen, was ein Arbeiter im Produktionszentrum Südchinas erhalten würde. Auch die vietnamesischen Löhne sind niedriger als in anderen südostasiatischen Ländern wie Indonesien und den Philippinen. Wie bereits erwähnt, passt Vietnams Geographie sehr gut in die Lieferketten der Hersteller in Nord- und Ostasien und bietet gleichzeitig eine gute Infrastruktur und Logistik. Daher ist das Lohnniveau nicht die einzige Überlegung, wenn potenzielle Investoren nach Vietnam schauen.

Vietnam muss mehr hochwertige Produkte produzieren

Thomas Hugger: Vietnam hat eine Erwerbsbevölkerung von 70 Millionen, die noch groß und jung ist, da das Durchschnittsalter der Bevölkerung 30 Jahre beträgt. Derzeit konzentriert sich das Land auf die Herstellung von Produkten der unteren Preisklasse wie Bekleidung, Schuhe und die Montage von elektronischen Geräten wie Handys, Laptops und Konsumgütern. Auf diese Weise begann die Wertschöpfungskette des verarbeitenden Gewerbes auch in China, Hongkong, Japan und Südkorea, bevor diese Länder die Wertschöpfungskette hinaufstiegen, um weniger arbeitsintensive und wertschöpfendere Güter zu produzieren.

Vietnam muss ebenfalls die Wertschöpfungskette nach oben verschieben, um mehr hochwertige Waren zu produzieren, um einige der Herausforderungen zu bewältigen, denen es mit dem Arbeitskräfteangebot begegnen könnte. Diese Verlagerung zu hochwertigen Gütern wäre jedoch ein langfristiger Trend. Da Samsung bereits die meisten seiner Mobiltelefone in Vietnam herstellt und LG auch stark vertreten ist, kann Vietnam von der Expertise dieser Unternehmen bei der Entwicklung zur wertschöpfenden Fertigung profitieren. So kann sichergestellt werden, dass das Wirtschaftswachstum, das es in den nächsten fünf Jahren erzielen wird, auch in Zukunft anhalten wird.

AsiaFundManagers.com: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Thomas Hugger, AFC, über die Auswirkungen des Handelskrieges auf Vietnam
Thomas Hugger, CEO und Gründer von Asia Frontier Capital Ltd.

Thomas Hugger
CEO und Gründer
Asia Frontier Capital Ltd.

Asia Frontier Capital Ltd. verwaltet den AFC Asia Frontier Fund, den AFC Iraq Fund, den AFC Usbekistan Fund und den AFC Vietnam Fund. Thomas Hugger war 27 Jahre im Private Banking tätig, wo er sich auf die Verwaltung von Portfolios börsennotierter und nicht börsennotierter Aktien spezialisiert hat. Seit 1993 investiert er in asiatische und afrikanische Frontier-Märkte. Er ist ehemaliger Managing Partner, CFO & COO von Leopard Capital, Kambodscha, und war zuvor Managing Director und Head of Portfolio Management der LGT Bank in Hongkong. Zudem war er bei der Bank Julius Bär in Zürich und Hongkong in leitenden Investmentpositionen tätig. Hugger war Gründungsgesellschafter einer der größten Brokerfirmen in Bangladesch. Er ist zudem Certified Financial Investment Analyst (CFIA) und Investment Adviser (Schweiz) sowie Certified European Federation of Financial Analysts Societies (EFFAS) Financial Analyst.